Das zeigten die Fallbeispiele auf dem Homecare-Management-Kongress von MedInform am 13. und 14. Oktober 2014 in Berlin auf. Der Schlüssel für eine bessere Vernetzung ist nach Ansicht der Experten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der verschiedenen Leistungserbringer und der Krankenkassen, "denn nur bei gegenseitigem Vertrauen ist es möglich, gute Kommunikation und Qualität zu liefern".
Der Hausarzt Dr. Werner Besier stellte die Schnittstellenproblematik anhand eines beispielhaften multimorbiden Patienten dar. Neben den zahlreichen Medikamenten hat dieser auch einen hohen Hilfsmittelbedarf. Dabei zeigte Besier auf, dass beim Übergang von der stationären zur ambulanten Versorgung Versorgungsbrüche entstehen. Koordinationsstelle für die vielfältigen Versorgungen ist in erster Linie der Hausarzt, der damit oft überfordert sei. Um dem entgegen zu wirken, hat Besier in seiner Heimatstadt Mannheim ein Case-Management initiiert, das Patienten, ihre Angehörigen und auch die Hausärzte in solchen Situationen unterstützt und die benötigten Leistungen koordinieren soll.
Facharzt Olav Heringer vertrat eine onkologische Facharztpraxis für Krebspatienten in Wiesbaden. Auch er berichtete, dass es regelmäßig Schnittstellenprobleme beim Übergang von der Klinik zum niedergelassenen Facharzt gibt. Das betrifft besonders Bereiche, die nicht der ärztlichen Kernkompetenz zugeordnet werden können, wie die Ernährungstherapie. Hier sieht er gute Kooperationsmöglichkeiten mit Homecare-Versorgern. Er betonte auch den Bedarf einer guten Abstimmung mit dem Hausarzt. Für die Zukunft sieht er die Notwendigkeit kluger Konzepte, bei denen die einzelnen Fachdisziplinen eng und abgestimmt zusammen arbeiten. Ein besonderes Augenmerk legt er auf die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). Zudem soll Kliniken zukünftig erlaubt werden, onkologische Patienten ambulant zu versorgen, wenn sie mit niedergelassenen Ärzten kooperieren.
Der DAK-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Herbert Rebscher vertrat die These, dass die Versorgung einer wachsenden Anzahl chronischer Patienten nicht zwangsläufig teurer werden muss, da andere Aufwendungen dann entfallen. Für die Koordination der bei multimorbiden Patienten vielfältig benötigten Spezialleistungen sieht er die Möglichkeit, dies über die Krankenkassen zu leisten. Wichtig ist aus seiner Sicht, dass es eine funktionierende Koordinationsstelle gibt, bei der alle Informationen der Behandlungen zusammenlaufen und die befähigt ist, damit auch umzugehen. Qualität sei ihm wichtig, aber diese müsse auch klar beschrieben, fest vereinbart und damit auch evaluierbar sein.
Anja Schmidt, Geschäftsführerin von Alligatura, stellte aus Sicht der Pflege fest, dass die Pflegeleistungen auf Basis bestehender Expertenstandards zu erfolgen haben. Dabei ist eine korrekte Dokumentation wichtig. Herausforderungen in der intersektoralen Pflege seien die Optimierung für den jeweils eigenen Sektor und die im System immanenten Verteilungskämpfe. Auch stetig wachsende Bürokratie und Dokumentation können unter immer geringeren Personal- und Zeitressourcen zu einem Problem werden. Zur Sicherung der Qualität ist ein gutes Schnittstellenmanagement erforderlich.
GHD-Geschäftsführerin Christiane Döring zeigte einen optimalen Versorgungsprozess im Bereich der Homecare-Versorgung auf. Diese ist sehr vielgestaltig, so dass das Optimum selten erreicht wird. Sie sieht die Homecare-Versorgung als komplexes Patientenmanagement, das eng verzahnt mit dem Entlassungsmanagement ist. Homecare verbindet das Produkt und die dazugehörige Dienstleistung. Die Vernetzung wird zukünftig digital erfolgen, was die Messbarkeit erhöht und die Dokumentation erleichtert.
Krankenhausvertreter Prof. Dr. Bernd Reith, Chefarzt am Klinikum Konstanz, zeigte den Zusammenhang zwischen demografischer Entwicklung und Multimorbidität auf. Problematisch ist, dass für ältere multimorbide Patienten keine Leitlinien vorhanden sind. Bestehende Leitlinien sind für jüngere und nicht multimorbide Patienten gemacht. Die Behandlung muss sich an den Vorstellungen und Präferenzen des Patienten orientieren. Daraus muss eine Priorisierung der Behandlungsziele abgeleitet werden. Beim Entlassen aus dem Krankenhaus gehen oft Informationen verloren. Deshalb hält Reith ein strukturiertes Entlassmanagement für wichtig. Homecare ist dabei ein wesentlicher Erfolgsbestandteil.
Anke Richter vom Institut für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband stellte die Situation bei der Versorgung von chronisch kranken Patienten in einer Hausarztpraxis dar. Sie erläuterte, dass funktionierende Netzwerke dafür unerlässlich sind. Der Hausarzt sucht zuverlässige Partner, denen er Vertrauen kann. Denn er delegiert an diese Partner wichtige Aufgaben, für die er nach wie vor rechtlich verantwortlich ist. Nur durch eine gute Kooperation und Arbeitsteilung innerhalb des Netzwerks ist es möglich, die komplexen Versorgungen patientenorientiert sicherzustellen. Besonders sinnvoll ist aus Sicht von Richter ein qualifizierter Case Manager, der die Fälle im Netzwerk und besonders die Schnittstellen betreut. Dafür ist aus ihrer Sicht eine als VERAH ausgebildete Arzthelferin besonders geeignet.
Die Intensivmedizinerin Dr. Simone Rosseau von der Charité thematisierte, dass in der Klinik Patienten erfolgreich behandelt werden, die dann aber im ambulanten Bereich nicht adäquat weiterbehandelt werden können. In der Klinik kennt man die Verhältnisse und Möglichkeiten im ambulanten Bereich oft nicht. Eine technisch hochwertige Versorgung wie in der Klinik ist nach Ansicht von Rosseau nach der Entlassung nicht immer aufrecht zu erhalten. Sie zeigte dies am Beispiel von Beatmungspatienten. Sie sieht gute Chancen für ein strukturiertes Entlassungsmanagement mit Case Managern, das in solchen Fällen allen helfen kann. Dieses muss aus ihrer Sicht von medizinischem Wissen und Kenntnissen der relevanten Regularien und Limitationen getragen sein: interdisziplinär und mit professioneller Kommunikation. Denn: "Ambulante Versorgung ist nicht Intensivmedizin."