64 Prozent der befragten BVMed-Mitglieder rechnen in diesem Jahr mit einem besseren Umsatzergebnis in Deutschland als im Vorjahr. Das ist ein leicht schlechteres Ergebnis als im Vorjahr (66 Prozent) und reicht bei weitem noch nicht an die Erwartungswerte vor der Coronapandemie heran (2019: 70 Prozent | 2018: 78 Prozent).
Von einem Umsatzrückgang gehen 21 Prozent der befragten Unternehmen aus. 9 Prozent erwarten sogar Umsatzrückgänge im zweistelligen Bereich. Das zeigt, dass sich einzelne Produktbereiche der MedTech-Branche sehr unterschiedlich entwickeln.
Aus den gewichteten Umsatzangaben der BVMed-Unternehmen ergibt sich im deutschen Markt ein erwarteter Umsatzanstieg von nur noch 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist im Vergleich zum Vorjahreswert (plus 4,8 Prozent) ein dramatischer Rückgang. Das ungewichtete erwartete Umsatzwachstum liegt bei 2,8 Prozent. Das zeigt, dass die Umsatzerwartungen insbesondere bei den größeren Unternehmen rückläufig sind.
Die erwartete weltweite Umsatzentwicklung schneidet mit einem Plus von 3,5 Prozent besser als die Inlandsentwicklung ab, bleibt aber deutlich unter dem Vorjahreswert (plus 6,4 Prozent). Das ungewichtete Wachstum liegt bei 3,1 Prozent, sodass hier die Unterschiede zwischen KMU und Großkonzernen geringer ausfallen.
Gewinnerwartung bricht wegen stark steigender Kosten ein
Aufgrund der bestehenden dramatischen Kostensteigerungen stehen die Gewinne der Unternehmen noch stärker als in den Jahren zuvor unter Druck. Nur 10 Prozent der BVMed-Mitglieder erwarten in diesem Jahr Gewinnsteigerungen gegenüber dem Jahr 2023. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 20 Prozent. 43 Prozent der Unternehmen gehen von einer Verschlechterung der Gewinnsituation aus. 47 Prozent rechnen mit einer unveränderten Gewinnsituation gegenüber dem Vorjahr.
Der wichtigste Grund für die angespannte Geschäftssituation sind laut der BVMed-Umfrage die stark steigenden Kosten am Standort Deutschland. 78 Prozent der befragten MedTech-Unternehmen beklagen sich über den zunehmenden bürokratischen Aufwand. 72 Prozent nennen die gestiegenen Personalkosten als größtes Problem. Jeweils 66 Prozent der Unternehmen nennen die steigenden Kosten für Logistik und Transport sowie die gestiegene Zertifizierungskosten durch die MDR-Implementierung als größte Hürde. Weitere hemmende Faktoren sind der wachsende Fachkräftemangel (57 Prozent), der Preisdruck durch Einkaufsgemeinschaften und Klinikketten (52 Prozent), die hohen Energiepreise am Standort (46 Prozent), neue umweltrechtliche Auflagen und Berichtspflichten (35 Prozent) sowie hohe Rohstoffpreise (33 Prozent).
Investitionen am Standort Deutschland gehen zurück
Der zunehmende Druck auf die Gewinnsituation der Branche wirkt sich verstärkt auf die Investitionen am Standort Deutschland aus. 30 Prozent der befragten BVMed-Unternehmen verringern ihre Investitionen gegenüber dem Vorjahr. Dieser Wert steigt seit Jahren kontinuierlich an (2023: 27 Prozent; 2022: 20 Prozent) und zeigt, dass die Attraktivität des Standorts leidet. Nur noch 18 Prozent (Vorjahre 25 und 26 Prozent) erhöhen ihre Investitionen.
Ein Drittel der befragten Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland, davon 16 Prozent in die USA und 13 Prozent ins EU-Ausland.
MDR muss verbessert werden
Die Zeiten, in denen das europäische Regulierungssystem für Medizinprodukte, die europäische Medizinprodukteverordnung (MDR), dem US-amerikanischen FDA-System überlegen war, sind lange vorbei. Das zeigt auch die BVMed-Herbstumfrage überdeutlich. Eine deutliche Mehrheit von 67 Prozent der Unternehmen präferieren das FDA-System. Dieser Zustimmungswert zum US-System ist gegenüber dem Vorjahreswert (53 Prozent) stark angestiegen. Nur noch 9 Prozent der BVMed-Mitglieder präferieren das MDR-System der EU (Vorjahr 12 Prozent). 24 Prozent haben keine Präferenz.
Die MDR muss also nach Meinung der MedTech-Unternehmen dringend weiterentwickelt und verbessert werden. 83 Prozent der Unternehmen wünschen sich dabei vor allem weniger Bürokratie. 65 Prozent erwarten vorhersehbare und klare Fristen, 57 Prozent berechenbare Kosten. Ebenfalls weit oben auf der Forderungsliste: mehr Verfahrens-Transparenz bei den Benannten Stellen, ein Fast-Track-Verfahren für Innovationen (jeweils 55 Prozent) sowie eine gegenseitige Anerkennung von ausländischen Zulassungen (43 Prozent).
Umweltrecht: Doppelte Berichtspflichten vermeiden
Neben der Großbaustelle MDR beklagen die BVMed-Unternehmen auch zunehmend die fehlende Konsistenz nationaler und europäischer Regelungen zu umweltrechtlichen Auflagen und nachhaltigkeitsbezogenen Berichtspflichten. 65 Prozent sprechen sich explizit für die Vermeidung doppelter Berichtspflichten – beispielsweise aus dem nationalen Lieferketten-Sorgfaltspflichtengesetz (LkSG) und den europäischen CS3D/CSRD-Regelungen – aus. 64 Prozent sind für ein bessere EU-weite Harmonisierung der Regelungen. Wichtig ist den Unternehmen zudem, dass die deutsche Gesetzgebung nicht über EU-Regulierungen hinausgeht und damit kein „gold plating“ betreibt (59 Prozent), ausreichende Übergangsfristen für die Umsetzung des Umweltrechts unter dem Green Deal vorgesehen werden (54 Prozent) sowie horizontale Umweltrecht-Regelungen besser mit sektoralen Regelungen wie der MDR abgestimmt sind (52 Prozent).
Forderungen, um den Standort Deutschland zu stärken
Als große Stärken des Standorts Deutschland nennen die befragten MedTech-Unternehmen die gute Infrastruktur (71 Prozent), beispielsweise die Verkehrswege, sowie die gut ausgebildeten Fachkräfte (68 Prozent). Diese beiden Werte sind in den vergangenen Jahren hoch geblieben. Es folgen mit größerem Abstand als genannte Stärken das hohe Versorgungsniveau der Patienten (40 Prozent) sowie gut ausgebildete Wissenschaftler und Ingenieure (34 Prozent). Am Ende der Liste stehen die Forschungsförderung (5 Prozent) sowie die nachhaltige Transformation als Wettbewerbsfaktor (2 Prozent).
Was muss von der Politik angegangen werden, um den Medizintechnik-Standort Deutschland zu stärken? An erster Stelle der gesundheitspolitischen Forderungen steht nach der BVMed-Herbstumfrage 2024 erstmals die Forderung nach einem Bürokratieabbau durch ein Belastungsmoratorium für MedTech-Unternehmen (76 Prozent). Ganz oben auf der Prioritätenliste stehen zudem die Weiterentwicklung und Verbesserung des MDR-Systems sowie eine MedTech-Strategie, um den Standort Deutschland zu stärken und resilient zu gestalten (jeweils 70 Prozent).
Hohe Zustimmungswerte erzielen zudem die Forderungen nach einer digitalen Transformation und besseren Datennutzung (53 Prozent), ein Fast-Track-Verfahren für Innovationen mit klaren Fristen (45 Prozent) sowie die Gewinnung von Fachkräften (42 Prozent).