Für Kinder Gutes tun und dabei ein modernes Unternehmen zu führen ist der Auftrag, dem sich Marco Hoffmann verschrieben hat. Der Orthopädietechnikmeister versorgt mit seinem Team Kinder und Jugendliche, die durch Erkrankungen oder Behinderungen auf Unterstützung angewiesen sind. „Unsere größte Patientengruppe ist die Cerebralparese, ansonsten versorgen wir mit Orthesen, Geh-Orthesen, Gehhilfen wie Rollatoren, aber auch leichtere und schwerere Erkrankungen. Wir haben hier ein großes Muskelzentrum, dort versorgen wir Kinder mit spinaler Muskelatrophie. Wir decken alles von der Einlage bis zum Spezialrollstuhl ab,“ erklärt Marco Hoffmann im Gespräch mit GesundheitsProfi.
Gemeinsam stark im Netzwerk
Dabei setzen Hoffmann und sein Team auf ein weites Netzwerk in Nordhessen und Umgebung. In enger Zusammenarbeit mit den Sozialpädiatrischen Zentren, Schulzentren und Kindergärten stimmen sie die Versorgung der Kleinen und Kleinsten gemeinsam mit den Physiotherapeuten und -therapeutinnen, die vor Ort sind, ab. Der größte Teil der Versorgung findet jedoch in den Filialen statt. Dort sucht Hoffmann mit seinem Team den engen Austausch mit den Betroffenen und den Angehörigen. „Wir veranstalten viermal im Jahr den Movimento-Dialog, das ist eine regionale Veranstaltung für unser Netzwerk. Da laden wir Referentinnen und Referenten zu uns ins Haus ein, die dann über ein bestimmtes Thema rund um die Versorgung von Kindern sprechen. Zu den Gästen, die zu uns kommen, zählen Versorger und Eltern. Wir referieren auch selbst.“
Digitales Mindset
Über die Grenzen von Kassel und Göttingen hinaus bekannt geworden ist Movimento durch seine konsequente digitale Strategie, die alle Geschäftsbereiche umfasst. Der Schritt in die digitale Fertigung wäre jedoch nicht ohne eigene Ideen gegangen, ist sich Marco Hoffmann bewusst: „Uns als Geschäftsführern ist bewusst, dass wir die Prozesse in unserem Haus mitgestalten müssen. Wir müssen aktiv mit unserer Belegschaft zusammen dran arbeiten. Das ist das Mindset, was uns ausmacht. Wir kaufen keine Prozesse ein, sondern entwickeln sie.“
Dazu gehört auch eine hausinterne Software-Abteilung, die für das Unternehmen unterstützende Prozesse und Anwendungen inhouse entwickelt. „2018 haben wir eine kleine Software-Abteilung gegründet, dort haben eine Data Scientist und ein Entwickler angefangen, für uns zu arbeiten. Inzwischen haben sie unter anderem sechs Apps entwickelt, die wir intern verwenden. Sie unterstützen uns von der Patientenannahme bis zum QM-System. Wir erfassen und werten Prozesse aus, um uns stetig zu verbessern.“, berichtet der Geschäftsführer.
Bereits seit 2012 spielt das Thema digitale Fertigung eine Rolle für Marco Hoffmann: „Gestartet sind wir mit den Korsetts für die Skoliose-Therapie. Wir haben den Gipsabdruck durch Scanmöglichkeiten ersetzt, um dann das Hilfsmittel per CAD-Software zu konstruieren. 3D-Druck war damals für uns jedoch noch kein Thema.“
Neue Kollegen bringen neue Impulse
Das sollte sich wenige Jahre später ändern. Denn durch die neuen Kollegen aus der Software-Abteilung kamen neue Impulse ins Unternehmen und im Jahr 2020 wurde der erste 3D-Drucker gekauft. „Dadurch, dass wir zwei HP-Drucker bei uns im Zentrum stehen haben, drucken wir viel für uns selbst. Wir haben aber auch eine Partnerschaft mit dem Startup CureLab in Hamburg, über die wir zusätzlich drucken und seit neustem auch eine Schnittstelle zur Konstruktionssoftware haben. Sprich, wir erstellen die Datei und können es direkt bei CureLab bestellen.“
Mit dem Einstieg in die additive Fertigung wurde schnell klar, dass auch hier Prozesse verändert werden müssen. Als Resultat entwickelte die Software-Abteilung 3D-Up, eine Web-Anwendung, mit der laut Hoffmann jeder jederzeit von überall arbeiten könne. „Das digitale Arbeiten beginnt mit einem Scan oder einer Messung am Patienten. Wir erfassen ein Körperteil. Wobei man sagen muss, dass Kinder eher schwierig zu scannen sind, da sie sich gerne und häufig bewegen. Das ist eine große Herausforderung, sozusagen das letzte Puzzleteil, was noch gelöst werden muss. Da sind wir auch gespannt, ob auf der OT World neuer Erkenntnisse gezeigt werden. Aktuell arbeiten wir teils noch mit Gipsabdrücken, die eingescannt werden, oder anderen Hilfsmitteln, die uns dabei helfen, einen digitalen Abdruck zu bekommen. Im nächsten Schritt wird der Scan verarbeitet. Das geschieht häufig durch ein CAD-System, was im Kern nicht auf unsere Branche zugeschnitten ist. Da braucht es dann Mitarbeitende, die sich wirklich mit der Materie auskennen. Ich vergleiche es gerne mit Photoshop. Das macht man auch nicht einfach auf und bearbeitet dann ein Foto, da muss man einfach wissen, was man tut. Unser Gedanke war, dass es für die Orthopädietechnik einfacher gehen muss, am besten an einem Ort gebündelt. Das war der Grundgedanke zu 3D-Up!. Einfach, ohne Lizenz oder aufwändigen Rechner. Wir wollten browserbasiertes Arbeiten von überall und für jeden ermöglichen.“
Parent-approved: Wieso Eltern den 3D-Druck schätzen
Eine digitale Herangehensweise, die auch die Eltern der betroffenen Kinder gut finden. Die standardisierten Prozessen ermöglichen es Movimento, so zeitsensibel wie möglich zu arbeiten. „Alles, was wir produzieren, sind individuelle Herstellungen. Wir haben bei Movimento einen Rhythmus von drei Wochen, vom Scanning bis zum fertigen Produkt. Unsere kleinen Patienten werden mit ihren Eltern durchgetaktet, von der Anprobe bis zum Kontrolltermin, so dass die sich das einplanen können. Das funktioniert ganz gut.“ Zudem gibt die additive Fertigung der Hilfsmittel den Technikern die Möglichkeit, kleine Gimmicks in die Hilfsmittel einzubauen. Das kann eine Halterung für ein Uhrenziffernblatt sein, oder etwas völlig anderes, was den Alltag der Kinder einfacher gestaltet und dabei auch ziemlich cool aussieht. Sowohl Eltern als auch Kinder sind begeistert von den Möglichkeiten, die ihnen additiv gefertigte Hilfsmittel bieten, berichtet Marco Hoffmann: „Der größte Teil der Eltern ist sehr aufgeschlossen gegenüber 3D-gedruckter Hilfsmittel für ihre Kinder. Es kommt natürlich auf den Typ Eltern an. Die einen sind eher technikaffin, die anderen interessieren sich nicht so dafür. Mit denen, die interessiert sind, kann man durch den neuen Technologieaspekt im Hilfsmittel einfacher kommunizieren. Und es gibt eine kleine Gruppe von Angehörigen, denen es am Ende egal ist, wie es hergestellt wird, solange es funktioniert.“