GP: Wieso ist eine Gruppe von Oped-Azubis auf einem Segelschiff vor der Küste der Niederlande gekreuzt?
Christine Stanek: Der Segeltörn unserer Azubis war Teil der Lernreise, die wir mit den jungen Menschen regelmäßig alle zwei Jahre veranstalten, sodass alle Azubis einmal während ihrer Ausbildung wegfahren können. Es ist eine Lernreise im metaphorischen Sinne, die die Auszubildenden in ihrer persönlichen Entwicklung voranbringen soll. Uns geht es dabei nicht um Spaß oder Teamzusammenhalt, das kommt von allein, sondern um die persönliche Entwicklung eines jeden Einzelnen. Die Gruppen bekommen von uns ein halbes Jahr vor der Reise eine Aufgabenstellung, die sie bei der Planung berücksichtigen sollen. Dabei sind zwei Aspekte besonders wichtig: Wir müssen aus bekanntem Gebiet wegfahren und wir müssen jeden Tag weiterreisen. Und natürlich muss das Budget im Blick gehalten werden. Dazu legen wir Wert auf einen gewissen Abenteuerfaktor. Und so ist in diesem Jahr in einer Gruppe die Idee zu einem Segeltörn in der Nordsee entstanden.
GP: Oped gibt also den Rahmen vor, aber die Auszubildenden dürfen über das Ziel entscheiden?
Stanek: Mit unseren Rahmenbedingungen leiten wir die Azubis im Sinne eines Projektmanagements an, selbst herauszufinden, wohin sie wollen, was sie machen wollen. Dabei begleiten wir sie im Rahmen von Workshops. Ein halbes Jahr vor Beginn der Tour ist der Kick-off, danach treffen wir uns monatlich, insgesamt sechsmal. Die Azubis müssen das Projekt aber auch zwischen den Treffen weiterverfolgen und dafür arbeiten, immerhin gilt es, Unterkünfte, Restaurants und Aktivitäten zu planen. Das ist für diese Altersklasse teilweise sehr herausfordernd. Viele von ihnen sind zum allerersten Mal allein unterwegs, kannten vorher nur Familienurlaube. Jetzt zu recherchieren und selbst etwas auf die Füße zu stellen, fordert sie auf eine neue Weise. Und auch jede Nacht woanders zu schlafen, jeden Morgen die Tasche reisefertig packen zu müssen, ist eine Herausforderung für sich.
GP: Der Faktor ist bei der Segelreise jedoch weggefallen…
Stanek: Ja, da wurde ein bisschen getrickst. Aber im Endeffekt haben wir jede Nacht an einem anderen Ort geschlafen und auf kleinstem Raum auf einem Schiff zu leben, ist eine besondere Herausforderung. Da muss morgens auch das eigene Zeug weggepackt werden, sonst wird es schnell unordentlich und eng. Zudem mussten die Azubis auf dem Segelschiff helfen, angeleitet durch Kapitän und Matrosin. Und jede Mahlzeit musste gekocht werden. Denn anders als bei einem Trip an Land gab es keine Restaurants, in denen einfach ein Tisch reserviert werden konnte.
GP: Die Reise ist als Lernreise angelegt, um sich als Person besser kennenzulernen. Mit welchen Aspekten wird das begleitet?
Stanek: Innerhalb der Workshops reden wir über das Thema Persönlichkeitsentwicklung. In den Treffen geht es nicht nur rein um die Reiseplanung. Zudem arbeiten wir mit einem Buch für die eigene Lebenscharta. Wir geben den Azubis Methoden, Hilfsmittel und Anleitungen, sich selbst zu reflektieren mit dem Ziel, in eine gute Klarheit zu kommen, Selbstverantwortung zu übernehmen, in eine Selbstführung zu kommen und als Person letztendlich noch ein Stück zu wachsen. Das beginnt teilweise damit, dass einzelne Azubis wenig Lust auf das Projekt haben. Aber die Einstellung „Kein Bock“ ist ein Schutzmechanismus für eine Überforderung, gerade wenn man noch auf wenig Erfahrung zurückgreifen kann. Wir bieten ihnen eine große Klarheit und die Erfahrung, dass sie so etwas erfolgreich auf die Beine stellen können. Und dadurch, dass sie vom Reiseziel bis Abendessen alles planen und abstimmen, schrumpft auch die Unzufriedenheit, denn sie haben ja alles selber geplant. Die Segelgruppe war sehr glücklich auf ihrem Boot, eine andere hatte Schiffe vorab ausgeschlossen, weil eine Teilnehmende schnell seekrank wird. Unsere allererste Reise war eine Wanderung von Bozen zum Gardasee, eine andere Gruppe ist von Landeck bis Bozen mit dem Rad gefahren.
GP: Wie werden die Azubis während der Reise begleitet?
Stanek: Mein Kollege Stefan Zimmermann, der ausgebildeter systemischer Coach ist, und ich begleiten gemeinsam die Reise. Unser Ziel ist es, dass alle jeden Tag das Ankommen und Loslassen spüren. Wenn der Alltag nicht mehr im Vordergrund steht, entsteht Raum für Veränderung. Dann kann man in Ruhe über sich selbst nachdenken. Wir begleiten die Reise mit einer Art Arbeitsheft, dessen Themen wir punktuell bearbeiten. Und natürlich gehen wir flexibel auf die Bedarfe der Gruppe ein. Wir probieren mit ihnen auch mal ungewohnte Dinge aus, wie eine geführte Meditation. Aber die Azubis müssen für sich entdecken, was gut für sie funktioniert und wie sie in Situationen kommen, in denen sie ohne Ablenkung nachdenken können. Das hat auf dem Schiff hervorragend funktioniert, weil um uns herum nur das Meer und die Wellen zu sehen waren. Die Azubis hatten auch kein großes Interesse, abends in Häfen anzulegen. Die wollten auf dem Meer bleiben, dort übernachten und gemeinsam schwimmen gehen. Für die war diese Abgeschiedenheit ein echtes Highlight. Aber auch bei den anderen Lernreisen finden wir Orte an denen man gut für sich sein kann.
GP: Wie ist die Idee entstanden?
Stanek: Ich habe das Projekt gemeinsam mit der Oped entwickelt, 2021 haben wir die erste Reise gemacht. Ein Jahr später standen wir mit der Idee übrigens im Finale des DIHK-Bildungspreises und sind unter den ersten drei gelandet. Die Reise ist bewusst kein Incentive für die Azubis, wir glauben nicht, dass so ein Angebot jemanden von einer Ausbildung überzeugen kann. Wir wollen den Azubis on top zur Ausbildung die Möglichkeit bieten, sich persönlich weiterzuentwickeln. Ob sie das Angebot am Ende als Urlaub oder als Weiterentwicklung begreifen, liegt an ihnen. Die Oped finanziert das Projekt, auch für die angeschlossenen Sanitätshäuser. Das wechselt sich dann ab: In einem Jahr fahren die Azubis aus den Häusern, im anderen Jahr die der Zentrale. Mein Kollege und ich sind jedes Jahr mit den jungen Menschen unterwegs und freuen uns, sie auf ihrer Lernreise begleiten zu dürfen.