In der Debatte um die angespannte Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) fand der Hilfsmittelmarkt bislang vergleichsweise wenig Beachtung, leitet die GWQ ihre Ausführungen ein. Dabei fehle es gerade dort, wo Krankenkassen Wirtschaftlichkeit und Versorgungsqualität steuern sollen, häufig an Transparenz über Preisbildung und konkrete Produktauswahl. Das soll der neue Hilfsmittelreport „Transparenz und Intransparenz im Hilfsmittelmarkt: Ausgaben und Preisfindung am Beispiel Orthopädie und Homecare“ aufzeigen, den die GWQ Serviceplus AG veröffentlicht hat.
Die GWQ beklagt ein Steuerungsdefizit an der Schnittstelle zur Praxis: Obwohl der Hilfsmittelmarkt stark selektivvertraglich organisiert ist und Krankenkassen eigenständig Preise mit Leistungserbringern verhandeln können, endet die Gestaltungsfähigkeit oft hinter der Ladentür des Sanitätshauses. „Der Hilfsmittelmarkt bewegt sich in einem sensiblen Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Versorgungsqualität und begrenzten Steuerungsmöglichkeiten“, erklärt Oliver Harks, Deputy CEO der GWQ. „Zwischen vertraglicher Preisvereinbarung und konkreter Produktauswahl in der Versorgungspraxis besteht eine strukturelle Steuerungslücke. Mit unserem Report wollen wir diese Informationsdefizite sichtbar machen und aufzeigen, wie die Versorgungssteuerung wirksamer gestaltet werden kann.“
Orthopädie im Vergleich zu Homecare
Der Report analysiert anonymisierte Abrechnungsdaten von rund 5,3 Millionen Versicherten (Zeitraum 2020 bis 2023) und beleuchtet die Segmente Orthopädietechnik und Homecare, die zusammen rund 45 Prozent der GKV-Hilfsmittelausgaben ausmachen:
Exemplarisch für die Orthopädietechnik werden die Orthesen angeführt. Dabei handele es sich um ein heterogenes Segment aus standardisierten Produkten und handwerklichen Maßanfertigungen ohne Festbeträge. Hier stiegen die Ausgaben pro Verordnung kontinuierlich und lagen 2023 insgesamt 12 Prozent über dem Niveau von 2020.
Exemplarisch für Homecare untersucht die GWQ ableitende Inkontinenzhilfen. Dabei handelt es sich laut GWQ um stark standardisiertes Verbrauchsgütersegment, für das Festbeträge die Erstattung beziehungsweise die vertragliche Preisbildung überwiegend begrenzen. Trotz eines Anstiegs der Inanspruchnahme um 29 Prozent gingen die Ausgaben pro Verordnung im selben Zeitraum um 4 Prozent zurück. Dies gibt Hinweise darauf, dass Festbeträge zur Begrenzung der Ausgabendynamik und zu einer höheren Planbarkeit beitragen können.
Impulse für die Politik
Vor dem Hintergrund des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes soll der GWQ-Hilfsmittelreport ordnungspolitische Impulse liefern. Das Gesetz sieht neben pauschalen Abschlägen vor allem eine Ausweitung von Festbeträgen vor.
Aus Sicht der GWQ greifen pauschale Steuerungsinstrumente allein zu kurz. Die Ergebnisse des Reports zeigten, dass sich die untersuchten Produktgruppen hinsichtlich Standardisierung, Preisbildung und Versorgungsstruktur deutlich unterscheiden. Daraus folge, dass auch die regulatorischen Instrumente differenziert ausgestaltet werden sollten. Um den Markt nachhaltig zu reformieren, sollten ungenutzte Wettbewerbselemente gestärkt werden.
Der Report plädiert für eine Weiterentwicklung der Steuerungsinstrumente. „Als mögliche Maßnahmen werden die Wiedereinführung qualitätsorientierter Ausschreibungen für ausgewählte, standardisierbare Hilfsmittel (z. B. über Mehrpartnervergaben oder Positivlisten) oder die Einführung evidenzbasierter Bewertungsverfahren für neue Hilfsmittel, angelehnt an das bewährte AMNOG-Verfahren für Arzneimittel, vorgeschlagen.“