Joviva ist als digitale Plattform der Sanitätshaus Aktuell AG gestartet, um den angeschlossenen Häusern einen Zugang zum Online-Markt zu bieten. Unsere Leser kennen das Konzept. Die Frage ist: Hat sich dieses Versprechen bisher eingelöst?
Feys: Uns geht es da nicht anders als anderen Start-ups. Auch wir bekommen Fragen gestellt, wieso es so lange dauert. Wir sind in einem stark regulierten Markt unterwegs, mit Familienunternehmen, die seit Jahrzehnten am Markt sind. Bis man da wirklich mit der Digitalisierung durchgedrungen ist, dauert es einfach. Manchmal wünsche ich mir auch, dass es etwas schneller voran geht, aber unter den gegebenen Umständen geht es leider nicht. Wir können also nur dafür sorgen, dass wir genügend Traffic online haben, sodass wir die Kunden, die uns suchen, ins Sanitätshaus bringen. Wir stehen als Branche gerade da, wo die Apotheken oder andere Anbieter vor zehn Jahren standen. Und die haben diese zehn Jahre gebraucht, um so groß und erfolgreich zu werden, wie sie es heute sind. Wir profitieren von diesen zehn Jahren, denn die Kunden haben das Digitale schon angenommen. Bei uns wird es nicht so lange dauern, bis wir etabliert sind. Aber es wird länger dauern als drei Monate.
Gentner: Die Strukturen geben uns einiges vor. Unser Ansatz war jedoch, eine digitale Struktur für die Häuser zu schaffen, bevor jedes diesen Weg alleine geht. Dass wir als Gruppe unterwegs sind, macht uns schneller und kosteneffizienter. Dabei wollen wir immer seriös bleiben und sinnvolle Dinge umsetzen.
Haben Sie denn das Gefühl, dass die Endkunden mehr digitale Angebote fordern, als es der Markt gerade hergibt?
Feys: Zu 100 Prozent! Das beginnt schon bei der Terminvergabe. Die Kunden haben inzwischen ihre digitalen Kalender und wollen, dass online vereinbarte Termine automatisch gespeichert werden. Niemand möchte mehr auf gut Glück irgendwo hinfahren und gegebenenfalls warten. Die Kundinnen und Kunden möchten den Termin vereinbaren, hinfahren und versorgt werden.
Gentner: Wir befinden uns in einem Transformationsprozess. Natürlich gibt es noch Kunden, die offline unterwegs sind und für die das Digitale eher ein Hindernis darstellt. Aber die Kundinnen und Kunden, die sich vorher gezielt informieren und dann effizient einen Beratungstermin vereinbaren, wenn es sich um etwas Erklärungsintensives oder eine Versorgung auf Rezept handelt, wird in den kommenden Jahren weiter wachsen. Deshalb ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, Strukturen aufzubauen und sich darauf vorzubereiten. Dazu kommt unser Ansatz, das Image des Sanitätshauses aufzufrischen. Das hat nicht nur etwas mit Joviva zu tun, sondern mit den Marketingaktivitäten der AG. Wir möchten den Endkunden vermitteln, dass es in Sanitätshäusern Produkte für aktive Menschen gibt und man hier nicht nur etwas findet, wenn man alt und gebrechlich ist. Wer gerne Sport macht, aber auf einmal Schmerzen im Knie hat, kann beispielsweise mit einer Bandage versorgt werden und somit weiter aktiv bleiben. Das hat nichts mit Alter, sondern vielmehr mit Prävention zu tun.
Wie wird Joviva von den angeschlossenen Häusern angenommen? Gibt es einen Austausch mit den Mitgliedern, der in die Entwicklung von Joviva einfließt?
Feys: Das Feedback unserer Mitglieder ist ein absolutes Muss! Wir brauchen Rückmeldungen vom Markt. Wer über Digitalisierungsansätze für den Hilfsmittelmarkt redet, kommt nicht drumherum, die Sanitätshäuser einzubinden. Um das gesteuert machen zu können, haben wir mehrere Ansätze. Zunächst haben wir einen Beirat, der sich einmal im Quartal trifft und High-Level-Themen bespricht. Dazu haben wir Expertenpools, bestehend aus Sanitätshäusern, die eng in die Entwicklung von Tools eingebunden sind und Feedback aus dem Versorgungsalltag liefern. Und zu guter Letzt arbeiten wir verstärkt mit Umfragen unter den Mitgliedern, wenn es um solche Fragen geht, wie beispielsweise die Sprachen, auf denen Inhalte benötigt werden.
Gentner: Die Partizipation unserer Mitglieder ist ein wichtiger Punkt. Das ist eine Gratwanderung für uns, denn wir müssen immer genau abwägen, was wir umsetzen. Wir können nie alles für alle machen, sondern wir schauen, was für den Großteil der Häuser den größten Nutzen hat. Wir müssen genau zuhören und die Dinge rausfiltern, die wirklich sinnvoll sind. Dabei dürfen wir die Häuser aber nicht auf dem Weg verlieren. Diese Gratwanderung ist keine einfache, aber eine sehr schöne Aufgabe.