Dafür brauche es vor allem das richtige Mindset, so der einhellige Tenor in den Vorträgen und Diskussionen. In vier parallel laufenden Sessions wurden zudem die Marktentwicklungen in den einzelnen Geschäftsbereichen Heilmittel, Hilfsmittel, Pflege sowie Transport- und Rettungsdienste beleuchtet.
380.000 Verträge verwaltet allein der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik. Es ist aber nicht nur die schiere Anzahl der Verträge im Hilfsmittelbereich, mit der BIV-OT-Präsident Alf Reuter den Teilnehmenden den bürokratischen Auswand der Betriebe vor Augen führte. Die Formblätter der Vertragsdokumentation variierten von Kasse zu Kasse, und ein abrechnungsfertiger Vorgang brauche vier Unterschriften. Die Dokumentation müsse nicht nur vereinheitlicht werden, um den bürokratischen Aufwand einzudämmen, führte Reuter aus. „Wir verlieren Forschungsdaten.“
Die Digitalisierung lege „den Finger in die Wunde“. Die Branche leide unter Medienbrüchen, intransparenten Verträgen und fehlender intersektoraler Zusammenarbeit. Daher gebe es auch keine wissenschaftlich erhobenen Daten, mit denen der Gesetzgeber politisch steuern könne. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels spricht sich der BIV-OT für standardisierte Versorgungsverträge in der OT, OST oder für Homecare aus. Diese würden nicht nur den Leistungserbringern, sondern auch den Krankenkassen die Arbeit erleichtern.
Pilotprojekt eVO
Kirsten Abel, Sprecherin des BIV-OT und Generalsekretärin „Wir versorgen Deutschland“, stellte die Entwicklung des Pilotprojekts eVerordnung vor. Im Jahr 2021 haben die verschiedenen Gesundheitshandwerke zusammen das Projekt gestartet, das den Prozess vom Arzt bis zur Abrechnung umfasst. Erste Leistungserbringer haben vergangenen August mit der Erprobung begonnen, so Abel. Bei der Software „eva/3 viva“ sei der Weg der eVerordnung bis zum Status „geliefert“ umgesetzt. Weitere Softwarehersteller seien in der Abstimmung für die Umsetzung. Kirsten Abel warb für eine rege Beteiligung der Leistungserbringer, um möglichst viele Fehler im Vorfeld zu erkennen und beheben zu können. Interessenten können sich via Email einfach melden. Notwendig sei außerdem die Vernetzung und Harmonisierung mit anderen Pilotprojekten. Infrastrukturprojekte ließen sich nur gemeinsam umsetzen.
„Wir führen Gespräche mit dem BIV-OT“, bestätigte denn auch Markus Jochem aus dem Bereich Versorgungsmanagement der Techniker Krankenkasse (TK). Er stellte das Pilotprojekt der ARGE eGesundheit vor. Ihr gehören die AOK Bayern, Barmer, BIG, DAK, HEK, IKK Classic und die Techniker Krankenkasse (TK) an.
Was den bürokratischen Aufwand und den Fachkräftemangel betreffe, stünden die Krankenkassen vor „ähnlichen Herausforderungen“ wie die Leistungserbringer, schickte er seinen Ausführungen voraus. Das eigene Projekt habe man gestartet, da man der Gematik nicht 100 Prozent vertrauen könne und dort eventuell Lösungen über die Köpfe der Praktiker hinweg entwickelt würden. Ziel sei „eine Blaupause“, die von der Gematik genutzt werden könne.
Im Pilotprojekt werde die eVorordnung ohne Papier über die Kassen-App der Versicherten getestet. Dabei sei den Krankenkassen klar, dass ein rein digitaler Prozess nicht umgesetzt werde. Aktuell werde der Prozess mit Ärzten getestet.
Markus Jochem stellte klar, dass die Kassen nicht zu „ausgewählten“ Vertragspartnern steuern wollten. Am bisherigen Aufgabenzuschnitt werde nichts geändert.
„Positives Zukunftsbild“
„Die Zukunft muss stärker bestimmen, was wir tun“, ist Ulf Doster, Vorstand der Sanitätshaus Aktuell AG überzeugt. Der Experte für Transformation warb in einem ersten Schritt daher für ein positives Zukunftsbild im Sanitätshaus. Ein Baustein sei die Digitalisierung, welche die Arbeit im Sanitätshaus attraktiver mache. Ausgehend von diesem Zukunftsbild müssten die eigenen Kompetenzen und Geschäftsbereich analysiert und Best-Practice-Lösungen entwickelt werden. So komme man zu einer Kulturveränderung im Unternehmen.
Als konkrete Zukunftsprojekte stellte Ulf Doster die Plattform Joviva vor, die 750 Sanitätshäuser vereinen soll, sowie die Saverso-App.
Sichtbarkeit erhöhen
Mit eindringlichen Worten forderte Rehavital-Geschäftsführer Jens Sellhorn, dass die Hilfsmittelbranche im Vergleich zu Apotheken oder Ärzten ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit und bei den Stakeholdern im Gesundheitswesen erhöhen müsse. Schließlich nehme die Hilfsmittelbranche „eine extrem wichtige Rolle“ in einer alternden Gesellschaft mit zahlreichen Single-Haushalten ein. „Wir sind nah bei den Patienten. Unsere Mitarbeiter sind empathisch, haben sehr viel Expertenwissen.“ Aus diesem Grund bringe man daher in einer Kooperation mit dem Wort und Bild Verlag eine Kundenzeitschrift auf den Markt, das über die Mitgliedsbetriebe verteilt werde.
Jens Sellhorn sprach sich zudem für Partnerschaften aus, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Dazu gehört zum Beispiel die Kooperation mit der PFH Göttingen im Studiengang Orthobionik, das Pioneers Lab, aber auch technologische Lösungen wie die Caremed.one-App. Wichtig dabei: „In Partnerschaften muss man ehrlich reingehen und auch sein Ego ein Stück weit zurückstellen.“