Der Kontrast erscheine ihm beinahe wie "Blasphemie". Die OTWorld zeige, wie sehr Hightech in die moderne Orthopädietechnik Einzug gehalten habe. "Und das Hilfsmittelverzeichnis ist 30 Jahre alt."
Klaus-Jürgen Lotz ist ein Freund deutlicher Worte. Dies stellte er anlässlich der offiziellen Eröffnung der OTWorld am 3. Mai 2016 in Leipzig einmal mehr unter Beweis. Wie der diesjährige Kongresspräsident Prof. Dr. Frank Braatz hob er in seiner Rede unter dem Titel "Herausforderungen der Branche für die Zukunft" die herausragende Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit hervor. Vorbild seien die vier jungen Sänger des Acapella-Chors, die den musikalischen Auftakt machten. Einzelne Stimmen, die aufeinander abgestimmt eine harmonierende Melodie bilden – "nur so funktioniert das".
Der BIV-Präsident richtete den Blick nicht nur auf die Versorgungsstruktur in Deutschland. Bei 230.000 amputierten Menschen, die unversorgt in den Flüchtlingslagern lebten, nahm Lotz die Gesellschaft in die Pflicht. Es stelle sich die Frage, "ob man auf dem richtigen Dampfer unterwegs ist". Um die globale Versorgung voranzutreiben, müssten alle Beteiligten ihre "persönlichen Profilneurosen zurückstellen". Daher sei es toll, dass auf der OTWorld auch aus globaler Sicht über die orthopädietechnische Versorgungsstruktur der Zukunft diskutiert werde. "Wir brauchen eine offene Diskussion über Ausbildung, über Interdisziplinarität. Solange sich die einzelnen Disziplinen mit sich selbst beschäftigen, hat der Patient Pause."
Demographischer Wandel fordert Umdenken
Der demographische Wandel ziehe einen Markt nach sich, der bedient werden müsse. Angesichts von 122 Mrd. Euro für den Pharmaindustrie könnten 4,8 Mrd. Euro für Hilfsmittel "nicht zu viel sein". Wie könne also die hohe Versorgungsqualität künftig bezahlbar bleiben? Ein Problem sei die Administration. Sie schlucke nach wie vor 18 Prozent des Rezeptwerts. Auch müsse über eine Basis- und eine "On Top-Versorgung" nachgedacht werden. Die Bürger könnten frei entscheiden und müssten nicht von den Kostenträgern in irgendeiner Form vor den Leistungserbringern geschützt werden.
Ein Lichtblick: Die Politik ist nicht untätig. Noch in diesem Jahr werde es im Bereich der Ausschreibungen sowie beim Hilfsmittelverzeichnis "sehr deutliche Veränderungen" geben, kündigte Lotz an. Aber auch bei der Präqualifizierung sei "der nächste Schritt fällig". Jeder, der am Patienten arbeitet, müsse dafür qualifiziert sein, so Lotz.
Angesichts des steigenden Hilfsmittelbedarfs stelle sich aber nicht zuletzt die Frage, wie die Unternehmen die Spezialisten von morgen finden. Lotz forderte daher auch hier ein generelles Umdenken. Denn wenn ein Geselle der Orthopädietechnik 2.500 Euro brutto verdiene und ein IT-Techniker 130 Euro pro Stunde ansetze, dann laufe "irgendwas falsch".