GP: Besteht die Gefahr, dass eines der beiden Gewerke im „Mischbetrieb“ an Profil verliert?
Clausen: Ich denke, zukünftig wird man die Gewerke nicht mehr unterscheiden, sondern von Orthopädie-Handwerk sprechen. Entscheidend ist, dass Kunden, Ärzte, Kliniken und Krankenkassen die Betriebe als kompetente Versorger wahrnehmen.
GP: Sehen Sie in der Spezialisierung eine Chance für OST-Betriebe? Wie können sich diese gegenüber industriellen Lösungen profilieren?
Hepper: Definitiv. Die Spezialisierung auf Bereiche wie Diabetes ist eine große Chance. Das ist ein wachsender Markt mit eher abnehmenden Versorgungsstrukturen. Wer sich hier klar profiliert, kann sich einen Namen machen. Eine kleinere, feinere Struktur hat oft eine bessere Basis, die individuelle Note nach vorne zu bringen, als ein großer Filialist, der als „Bauchladen“ wahrgenommen wird.
Clausen: Die Chance besteht darin, sich mit dieser Spezialisierung regional als kompetenter Ansprechpartner einen Namen zu machen. Mein fachliches Wissen und die persönliche Nähe zum Kunden sind „unschlagbare“ Vorteile.
Bürkner: Die Spezialisierung und der Servicegedanke sind der Schlüssel. Schauen Sie sich die Optiker an: Die sind auch nicht alle wegen Fielmann eingegangen. Sie mussten sich so gut aufstellen, dass sie gebraucht werden. Der Kunde muss sich aufgehoben fühlen. Das ist der Schlüssel, den man als Erstes lösen muss, egal ob man 20 oder 150 Mitarbeiter hat.
Möller: Die Individualfertigung wird in Zukunft nicht mehr ohne additive Verfahren abdeckbar sein. Gleichzeitig werden Standardprodukte immer besser und können mehr Menschen qualitativ hochwertig versorgen. Das bedeutet, wer wirklich noch eine Individualversorgung braucht, der braucht eine sehr individuelle. Und um diese skalierbar und reproduzierbar zu fertigen, braucht man digitale Technologien. Mit klassischen Werkstattprozessen ist das kaum noch zu leisten.
GP: Sollten OT und OST politisch stärker gemeinsam auftreten oder ihre Interessen getrennt vertreten?
Möller: Eine so zerstreute Verbandslandschaft in der Orthopädieschuhtechnik ist für einen so kleinen Bereich der Hilfsmittelversorgung nicht effizient. Die Stimme der Schuhtechnik wird nicht verloren gehen, denn auch die großen Sanitätshäuser verdienen mit Einlagen Geld. Aber wenn wir gegenüber dem GKV-Spitzenverband und der Politik eine starke Stimme haben wollen, geht das meiner Meinung nach nur durch einen starken Verband für beide Bereiche zusammen. Dieses Dahindümpeln mit dem ZVOS und den einzelnen Landesverbänden, wo jeder sein eigenes Süppchen kocht, funktioniert in Zukunft nicht mehr.
Bürkner: Ich bin da skeptischer. Unter den jetzigen Voraussetzungen sehe ich eine Verschmelzung nicht, da gewinnen beide nicht. Es ist ein Prozess, der in der Zukunft sicher kommen muss, aber dafür braucht es eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, die ich noch nicht sehe. Der BIV-OT hat seine eigenen Hausaufgaben zu machen. Unser Verband hat mit Jens Schulte jemanden an der Spitze, der beide Meistertitel hat und die andere Seite kennt. Auch er sagt, dass es noch ein weiter Weg ist.
Hepper: Ich würde von einer positiven Entwicklung sprechen. Es gibt einen neueren Trend zum Schulterschluss zwischen OT und OST, der hinter den Kulissen stattfindet. Beide Seiten können ihre Perspektiven einbringen, und idealerweise führt das zu einer gemeinsamen Stimme. Das muss das Ziel sein. Wir reden von einem überschaubaren Bereich im Gesundheitswesen. Wir müssen unsere Kraft bündeln und dürfen uns nicht in Grabenkämpfen verlieren. Die Verbände können meinetwegen bestehen bleiben, aber am Ende muss es synergetisch zu dieser einen Stimme zusammengeführt werden, sonst wird es zu leise, um politisch wahrgenommen zu werden.
GP: Wenn Sie einen Wunsch für die zukünftige Zusammenarbeit von OT und OST frei hätten – wie sähe das ideale Modell im Jahr 2035 aus?
Bürkner: In der Zukunft wird es fast nur noch Kombibetriebe geben. Die kleinen, reinen Spezialisten werden sehr vereinzelt dastehen. Die Zukunft liegt im gemeinsamen Versorgen, weil der Patient das so wünscht.
Möller: Das ideale Modell wäre eine Vergütung, die nicht mehr produktbezogen ist, sondern sich am Ergebnis orientiert. Vielleicht eine Fallpauschale für den diabetischen Fuß, wie in den Niederlanden. Das würde die Gewerke zwingen, zusammenzuarbeiten und die beste Lösung für den Patienten zu finden. Es geht darum, durch eine gute, frühzeitige Versorgung hohe Folgekosten wie Amputationen zu vermeiden. Das geht nur durch eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten. Als Versorger suche ich mir heute schon Partner in der Industrie, mit denen ich unsere ganzheitliche Firmenphilosophie umsetzen kann. Ich schaue nicht auf den letzten Cent im Einkauf, sondern auf die Partnerschaft.
Hepper: Industrielle Effizienz plus handwerkliche Exzellenz, das heißt, standardisierbare Schritte werden skaliert, individuelle Versorgung bleibt hochqualitativ handwerklich.
Clausen: Wir unterscheiden nicht mehr bei den Gewerken, sondern sprechen über diagnosebezogene Versorgungen, die den Kunden in den Mittelpunkt stellen.