„Wir müssen über die Zahl der Krankenkassen sprechen“, sagt Dr. Christian Gentner, Vorstandsmitglied der Sanitätshaus Aktuell A. „Wenn über 90 Kassen am Ende nahezu die gleichen Leistungen anbieten, stellt sich zwangsläufig die Frage nach Sinn und Effizienz dieser Struktur. Der Vorschlag, die Zahl deutlich zu reduzieren, ist deshalb ein richtiger Impuls. Entscheidend ist aber nicht die Zahl allein, sondern was wir daraus machen.“
Das eigentliche Problem liege laut Christian Gentner tiefer: „Wir haben ein System, das in seinen Strukturen zu komplex geworden ist. Und genau diese Komplexität kostet uns heute die Versorgung. Gerade im Hilfsmittelbereich wird diese Schieflage besonders sichtbar. In der Praxis erleben wir täglich, was das bedeutet: Für ein und dieselbe Versorgung gelten je nach Krankenkasse unterschiedliche Verträge, Abläufe und Anforderungen. Ein erheblicher Teil der Zeit in den Sanitätshäusern geht nicht mehr in die Versorgung von Menschen, sondern in die Organisation des Systems: Über 70 Prozent investieren mehr als 30 Prozent ihrer Arbeitszeit in Bürokratie. Deshalb brauchen wir mehr als eine Reduktion der Kassen. Wir brauchen einen echten Systemwechsel.“
Ein zentraler Hebel wäre aus Sicht von Gentner ein einheitlicher Rahmenvertrag für alle Krankenkassen. „Gleiche Leistung braucht gleiche Regeln. Das würde Prozesse vereinfachen, Bürokratie abbauen und unmittelbar Kapazitäten für die Versorgung freisetzen.“
Gleichzeitig müsse die Logik der Versorgung grundlegend überdacht werden. Gentner: „Während die Versorgung mit Arzneimitteln in der Regel direkt und standardisiert erfolgt, durchlaufen selbst eindeutige Bedarfe bei Hilfsmitteln komplexe Genehmigungsprozesse. In der Praxis bedeutet das: Antragstellung, Abstimmung mit der Krankenkasse, Rückfragen, Dokumentation. Und das, obwohl die Versorgung am Ende fast immer bewilligt wird. Das bindet Ressourcen, verzögert Hilfe und kostet Geld – ohne zusätzlichen Nutzen für die Patienten. Deshalb fordern wir stellvertretend für die Sanitätshäuser: Versorgung darf kein Genehmigungsfall sein.“
Kritik am Referentenentwurf
Auch den Referentenentwurf zum GKV-Spargesetz betrachtet die Sanitätshaus Aktuell AG mit Sorge. „Die dort vorgesehenen pauschalen Kürzungen von drei Prozent für 2027 und 2028 lassen die bereits heute massiven Belastungen durch Energie-, Material- und Personalkosten unberücksichtigt. Gerade im logistikintensiven Hilfsmittelbereich trifft dieser Eingriff auf ohnehin knappe Margen. Ohne eine Differenzierung nach strukturellen Belastungsgrenzen gefährdet der Entwurf die Existenz vieler Betriebe und schwächt die langfristige Versorgungsstabilität. Wenn wir die vorhandenen Mittel sinnvoll einsetzen wollen, dürfen wir nicht weiter an einzelnen Leistungen sparen. Wir müssen die Komplexität im System reduzieren.“