GP: Das ist dieser psychologische Effekt, dass Menschen Maschinen eher vertrauen als anderen Menschen…
Volk: Genau, das entspricht dem psychologischen Effekt, dass Menschen oft mehr Vertrauen in Technik als in andere Menschen setzen. Dennoch ist es entscheidend, dass ein Experte die richtigen Schlüsse aus den Ergebnissen zieht. Die Kundinnen und Kunden können das Video auch mitnehmen und es ihrem Arzt oder Therapeuten zeigen, da wir die Dateien einfach per E-Mail versenden können. Das ist ein echter Mehrwert für die Versorgung.
GP: Wie reagieren Orthopäden und Therapeuten auf die KI-basierte Ganganalyse?
Müller: Von Orthopäden haben wir bisher wenig Feedback erhalten, abgesehen von einem befreundeten Oberarzt einer Rehaklinik, der es sehr spannend fand. Eine Möglichkeit wäre, Patienten vor und nach einer Gelenkoperation zu analysieren, um den Nutzen der OP zu veranschaulichen. Die Dokumentation könnte nahezu lückenlos erfolgen und wäre auch für Krankenkassen von Interesse.
Volk: Die Reaktionen der Therapeuten sind positiv. Besonders die jüngeren sind offen für den Einsatz von KI-basierten Tools, da sie in einer Zeit aufwachsen, in der KI-Anwendungen allgegenwärtig sind.
GP: Wie entwickelt sich die Technologie weiter?
Volk: Die KI-gestützte Ganganalyse ist nur der Anfang. Die Oped arbeitet kontinuierlich daran, die Funktionalitäten von Orthelligent Vision auszubauen. Neben der Ganganalyse forschen wir beispielsweise auch an der Erfassung weiterer Bewegungsmuster, die bei unterschiedlichen Krankheitsbildern hilfreich sein könnten. Das gemeinsame Ziel ist es, den Patienten und Patientinnen eine noch umfassendere Analyse und damit eine zielgerichtetere Therapie zu ermöglichen.
Müller: Langfristig wird sich Orthelligent Vision zu einer umfassenden Bewegungsanalyseplattform entwickeln. Aus unserer Sicht sind beispielsweise Funktionen zur Erfassung und Optimierung von alltäglichen Bewegungsabläufen sinnvoll. Wir möchten, dass Sanitätshäuser und Kliniken künftig ein noch breiteres Spektrum an Bewegungsdaten erfassen und für die Versorgung nutzen können. Auch die Kombination mit weiteren Tools ist eine Perspektive, um noch mehr Details in die Analyse einfließen zu lassen.
GP: Gilt das auch für die Kunden?
Müller: Unsere Kunden finden Orthelligent Vision gelinde gesagt „cool“. Eben weil sie dann den direkten Vergleich ihres Gangbilds sehen können. Wenn es sich zum positiven verbessert, ist das gleichzeitig auch ein Motivationsschub.
GP: Welche Zielgruppe wird mit der KI-basierten Ganganalyse bedient?
Volk: In erster Linie wenden wir sie in der Versorgung neurologischer Erkrankungen an, wie Cerebralparese, Multiple Sklerose und ähnliche Diagnosen. Auch amputierte und mit Prothesen versorgte Personen können bei uns den Gang analysiert bekommen. Ein großer Teil der Versorgungen sind übrigens Kinder, die auch ganz fasziniert von dem Ergebnisvideo sind. Wen wir aktuell damit nicht analysieren können, sind Sportler. Das liegt daran, dass wir bei der Ganganalyse aktuell noch keine rennenden Menschen analysieren können. Der Grund dafür liegt interessanterweise nicht in der App, sondern bei den Kameras der Tablets, die wir nutzen. Für eine valide Analyse von rennenden Menschen bräuchten wir Hochgeschwindigkeitskameras, die in den aktuell auf dem Markt erhältlichen Tabletlösungen nicht eingebaut sind.
Müller: Irgendwann wird die Versorgung von Sportlern mit Orthelligent Vision aber auch kommen. Man könnte das Programm nutzen, um Bewegungsabläufe z.B in der Leichtathletik zu optimieren. Für Sanitätshäuser werden sich noch weitere Anwendungsmöglichkeiten ergeben, die obere Extremität ist ein weiterer Baustein. Das „richtige“ Sitzen könnte damit verbessert werden. Denn die Entwicklung der Orthelligent Vision läuft stetig weiter.