Um neue Ideen zu entwickeln oder auch Lösungen für aktuelle Herausforderungen, sind drei Dinge hilfreich: ein Ort, der inspiriert und neue Perspektiven eröffnet, ein Impuls durch einen Experten und der Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen.
Wer das Bequemschuhsymposium in Zeulenroda (5. bis 7. April) besuchte, konnte sicher sein, alle drei Aspekte vorzufinden. Mit Blick auf den Stausee, das Zeulenrodaer Meer, spannenden Vorträgen und viel Raum zum Netzwerken bot das Event beste Rahmenbedingungen für die Spezialisten der Branche. Das sah auch Thomas Bauerfeind, CEO der Berkemann-Gruppe und Initiator des Symposiums, in seiner Begrüßung so: „Wer sich austauscht, lernt voneinander und profitiert voneinander.“
Nadja Hoßbach-Zimmermann vom Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen sprach in ihrem Vortrag über den „Future Retail Store“ über das Geheimrezept von erfolgreichen Einzelhändlern. Erfolgreiche Händler ließen sich nicht durch die großen Würfe anderer Unternehmen einschüchtern, so Hoßbach-Zimmermann auf der Bühne des Bequemschuhsymposiums. Sie experimentierten auf kleinem Niveau und höchst individuell, bis sie ihren Weg gefunden hätten. Im „Future Retail Store“, einem Projekt des Fraunhofer-Instituts, mit dem ausgewählte Händler Ideen auf der Fläche austesten konnten, zeigten zwei Händler in einem kontrollierten Rahmen, wie es anders laufen kann.
Cairo AG: Die Cairo AG, ein Unternehmen für Luxus-Möbel, hat im Rahmen des „Future Retail Store“-Projekts die Beratung durch Hologramme getestet. Reale Berater wurden durch ausgeklügelte Technik in die jeweilige Filiale übertragen und konnten so an verschiedenen Orten Kundinnen und Kunden zum Möbelkauf beraten. Das Fazit: interessierte und überzeugte Kunden, die keine Berührungsängste mit dem Hologramm-Mitarbeitenden hatten. Von Seiten der Mitarbeitenden zeigte sich jedoch, dass zunächst die Arbeitsweise überdacht werden musste. Denn große Produkte wie Möbel ließen sich in der Hologramm-Box nicht einfach so präsentieren. Zudem fehlte eine gewisse Privatsphäre bei den Beratungsgesprächen, und der „Wow-Effekt“ des digitalen Auftritts verblasste nach dem ersten Testen schnell. Das Projekt wird vom Fraunhofer-Institut in den kommenden Monaten ausführlich in einem Bericht veröffentlicht und besprochen.
Digitale Services nicht aus den Augen verlieren
Cirk Sören Ott, Geschäftsführer von Shopperexpress, sprach über die Herausforderungen und Bedürfnisse von Kunden im Bereich des orthopädischen Schuhhandels. Viele Menschen, insbesondere ältere, hätten Probleme mit ihren Füßen, würden dennoch häufig normale Schuhe kaufen. Dies zeige ein großes Potenzial für den Markt, da viele Kunden nicht ausreichend über die Vorteile von Bequemschuhen informiert sind oder diese nicht als erste Wahl betrachten. Denn für die meisten Menschen ohne akute Schmerzen reiche augenscheinlich häufig der Griff zum Sneaker, um beschwerdefrei durchs Leben zu gehen. Hier läge für den Einzelhandel mit Bequemschuhen ein Potenzial, so Ott. Besonders mit Blick auf die nachfolgende Generation, für die der Griff zum Smartphone etwas Alltägliches sei, müsse die Branche umdenken. „Das Smartphone ist das neue Laserschwert“, führte Ott in seine Ausführungen ein, weshalb der Handel auch die digitalen Services nicht aus den Augen verlieren dürfe. Im Vorfeld zum Vortrag hatte Shopperexpress 500 Menschen quantitativ zu ihrem Verhältnis zu Bequemschuhen befragt, sieben Personen in abschließenden 90-minütigen Gesprächen auch qualitativ. Ergebnis der Studie war, dass die individuelle Beratung und der Service für die Kunden von größter Bedeutung sind, während der Preis eine untergeordnete Rolle spiele. Die Kunden wünschen sich laut der Befragung eine moderne Website, die Online-Terminbuchungen ermöglicht, sowie ein aktives Reputation Management über Google-Bewertungen und Social Media.
Mit online offline stärken
Unter dem Motto „Wie der Schuhhändler um die Ecke online punkten kann“ erklärte Stefan Nagel, Geschäftsführer von Trynoagency in Berlin, worauf es bei der digitalen Präsenz ankommt: „Online ist dazu da, um offline zu stärken“, so Nagel. Wichtig sei deshalb, auch über das Verhalten der Kunden Bescheid zu wissen. Hierzu zähle etwa, wie sich Menschen informieren: Jeder vierte Deutsche nutzt hierfür Social-Media. „Es gilt deshalb, die Menschen dazu zu kriegen, dann nicht auch online zu kaufen, sondern stationär.“ Doch einen Zahn musste Nagel dem Publikum ziehen: „Viele Schuhhändler denken, dass Social Media umsonst ist und dass sich der Algorithmus mit vielen Posts austricksen lässt.“ Doch ohne Geldaufwand gehe es bei der digitalen Präsenz nicht. „Paid Content ist dazu da, um die Reichweite und die Zielgruppe zu vergrößern.“ Generischer und regelmäßiger Content sei zwar schön und gut, jedoch nicht wirksam – wer den Wunsch nach Wachstum hegt, müsse zahlen. Dennoch ist dem Kommunikationsexperten klar, dass das Budget aktuell bei vielen knapp ausfällt. Aus diesem Grund seien zum einen die Wahl des Inhalts und zum anderen die Kanalauswahl von großer Bedeutung. „Authentizität ist wichtiger als Hochglanz“, so Nagel. Händler sollten sich die Frage stellen, ob es Angebote, Informationen über den Laden oder andere Themen gebe, die sich in den Mittelpunkt stellen lassen. Und bei der Frage, ob alle Kanäle bespielt werden müssten, antwortet Nagel: „Nein; auf einen konzentrieren, den Content optimieren und über Paid Content ausbauen.“ Youtube funktioniere eher wie eine Suchmaschine, während Social Media eine andere Konsumierbarkeit von Informationen begünstige. Hier die passende Wahl zu treffen, sei deshalb ausschlaggebend – solange sie auch mit Paid Content flankiert wird.