GP: Wenn Sie bei den Patienten zu Hause sind, fallen Ihnen sicher manchmal weitere Bedarfe, zum Beispiel im Badezimmer auf. Wäre dies eine Möglichkeit, Ihr Geschäft auszubauen?
Naumann: Diskussionen in diese Richtung kommen bei uns zwar immer wieder auf. Tatsächlich machen wir dann aber einen Schritt zurück. Die Flachstrickversorgung ist für sich alleine komplex genug.
Diekmann: Wir achten auf alles, was in Richtung Orthetik geht. Dazu gehört zum Beispiel die Fußstellung, und wir raten im Falle eines Hammerzehs zum Beispiel, einen Orthopäden aufzusuchen. Wenn Patienten zusätzlich eine Kniebandage tragen sollen, lassen wir von den Herstellern in den flachgestrickten Kompressionsstrumpf zusätzlich einen Patella-Ring einarbeiten. Oder wir informieren Patientinnen nach einer Krebsbehandlung über Entlastungs-BHs.
GP: Wie sichern Sie ein einheitliches Versorgungsniveau Ihrer Beraterinnen?
Naumann: Wir beschäftigen Quereinsteigerinnen, aber auch Kolleginnen, die zuvor im Sanitätshaus tätig waren. Wir legen daher Wert auf ein intensives Onboarding in den ersten Monaten. Wichtig ist uns die Leidenschaft für das Thema. Flachstrick ist ein Handwerk, für das wir brennen. Fast alle Mitarbeiterinnen tragen selbst Kompression. Als Betroffene haben sie eine andere Nähe zum Thema.
Diekmann: Wir tauschen uns einmal wöchentlich mit allen im Team aus. Einzeln spreche ich fast täglich mit allen Kolleginnen. Außerdem veranstalten wir regelmäßig zwei- bis dreitägige Events, bei denen wir alle zusammenkommen.
Naumann: In diesem Rahmen pflegen wir nicht nur unser Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern führen auch immer interne Schulungen durch.
GP: Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?
Naumann: Wir wollen wachsen und neue Regionen abdecken, weil es unsere Kunden verdient haben. Der Bedarf ist hoch. Dadurch müssen wir aber auch unsere Strukturen laufend anpassen und uns softwareseitig entsprechend aufstellen, da wir so langsam aus den Kinderschuhen rauswachsen. Wir müssen sicherstellen, dass wir unseren hohen Qualitätsstandard halten. Das ist größte Schwierigkeit. Wir sind kein Riesenkonzern und müssen unsere Manpower gut einsetzen.
GP: Als überregionaler Leistungserbringer überblicken Sie weite Teile der Versorgungslandschaft. Wie beurteilen Sie die Situation der Lip- und Lymphödempatientinnen?
Naumann: In den letzten Jahren ist viel passiert bei der Aufklärung. Deutschland ist weit vorne im internationalen Vergleich, auch wenn wir viel klagen. Selbstverständlich ist die Versorgungslage ausbaufähig, aber im Großen und Ganzen sind wir gut unterwegs.
Diekmann: Viele Hausärzte und Gynäkologen sind sehr gut informiert. Speziell im Rheinland und im Ruhrgebiet gibt es viele gute Ärzte und damit auch gut aufgeklärte Betroffene. Aber es gibt auch immer noch Ärzte, die sich gegen aktuelle Informationen und Entwicklungen sträuben. Das können sogar Phlebologen sein, die von neuen Leitlinien keine Kenntnis nehmen wollen. Die Lücken sind teilweise sehr groß.
GP: Sie arbeiten mit allen großen Lieferanten zusammen. Haben Sie bestimmte Wünsche?
Naumann: In der Abwicklung sind inzwischen alle sehr fortschrittlich aufgestellt. Es gibt viele neue Qualitäten. Dadurch können wir unsere Kundinnen vielfältiger versorgen. Aber natürlich sind Produktinnovation immer ein Thema.
GP: Die Erstattung unterscheidet nicht zwischen einer Versorgung vor Ort beim Patienten oder in der Filiale. Was heißt das für die Wirtschaftlichkeit ihres Modells?
Naumann: Das ist Ansichtssache. An einem festen Standort ist es sicher einfacher, pro Tag mehr Patienten zu versorgen. Aber das ist nicht unser Ansatz. Der Kern, warum wir mobil arbeiten, sind die Bedürfnisse unserer Kundinnen: Wo liegen deren Pain Points? Wobei selbstverständlich auch Versorgungen im Sanitätshaus vor Ort gut funktionieren können. Es gibt an dieser Stelle kein richtig oder falsch.
GP: Wie finden die Patienten zu Ihnen?
Naumann: Das funktioniert zum einen über klassische Netzwerkarbeit. Wir haben zum anderen einen sehr guten Online-Auftritt. Wir generieren darüber eine große Reichweite und erhalten viele Anfragen. Am Ende kommt es vor allem auf die Qualität an, da unsere Community sehr gut vernetzt ist und diese sich dann herumspricht. Aber natürlich ist es eine große Herausforderung, eine hohe Awareness für die Marke zu schaffen.
GP: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kostenträgern?
Diekmann: Im Großen und Ganzen läuft es sehr gut. Es kommt natürlich immer darauf an, wie aussagekräftig die Anträge eingereicht werden. Bei speziellen Versorgungen achten wir daher darauf, dass wir alle Unterlagen im Vorfeld beisammenhaben, damit keine Rückfragen kommen und sich der Genehmigungsprozess nicht unnötig in die Länge zieht.