Eines der zentralen Probleme der Preisbildung sei, dass die Hersteller die Preise im ersten Erstattungsjahr unabhängig vom nachgewiesenen Nutzen frei festlegen können. „Die Hersteller kalkulieren die Abschläge der späteren Verhandlungen mit der GKV bereits in ihre Preise ein und setzen die Einstiegspreise immer höher an. Dadurch hat sich bei den Apps auf Rezept eine Preisspirale nach oben in Gang gesetzt“, kritisiert Baas. Die Preishöhe von DiGA im ersten Jahr sei unverhältnismäßig verglichen mit analogen Therapien.
Bislang gilt für die Hersteller ein Erprobungsjahr, in dem DiGA verordnet werden dürfen, die Wirksamkeit der Anwendung aber noch nicht nachgewiesen sein muss. In diesem Erprobungsjahr dürfen Anbieter die Preise für ihre Apps frei festsetzen. Erst ab dem zweiten Jahr muss die Wirksamkeit durch Studien belegt werden und endgültige Preise werden zwischen Krankenkassen und DiGA-Anbieter verhandelt.
„Wir sehen im Report, dass 29 von 45 Anwendungen den Nutzen im Verlauf des Probejahres nicht nachweisen konnten. Die Krankenkassen müssen dann weiterhin die höheren Preise bezahlen, bis der Nutzen abschließend belegt ist. Durchschnittlich werden die Apps 256 Tage länger als ursprünglich geplant zu den höheren Preisen in der Erprobung erstattet“, so Prof. Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld. „Da die Herstellerpreise im Schnitt mehr als doppelt so hoch sind wie die später verhandelten Preise, wird das Erprobungsmodell mehr und mehr zu einem strukturellen Kostenrisiko für die GKV”, sagt Greiner.
Ausfallrisiko
Da die Krankenkassen zunächst die hohen Preise im ersten Erstattungsjahr bezahlen, müssen die Hersteller nach den Preiskürzungen die von den Kassen vorgestreckten Beträge zurückzahlen. Die Kassen erhalten zurück, was sie an zu hohen Preisen über das Probejahr hinaus gezahlt haben. Haben die App-Anbieter keine Rücklagen gebildet, blieben die Kassen auf einem Teil der Rückforderungen sitzen. Allein die aufgrund von Insolvenzen offenen Rückzahlungen beliefen sich auf 2,6 Mio. Euro zulasten der TK. Das entspricht rund zehn Prozent der bisherigen Gesamtausgaben der TK für DiGA. „Wir kommen im Report zu dem Schluss, dass den Kassen durch die verlängerte Abrechnung der höheren Herstellerpreise ein Ausfallrisiko von bis zu elf Prozent der jährlichen Ausgaben für DiGA entsteht“, so Greiner. Damit würden DiGA indirekt zu einer Wirtschaftsförderung für Start-ups, da die frei festgesetzten Einstiegspreise wie ein Kredit auf Kosten der GKV wirkten.
Wer nutzt Apps auf Rezept?
Bis Ende 2023 wurden bei der TK 106.000 Freischaltcodes für DiGA eingelöst. Am häufigsten verschrieben wurden Apps für die mentale Gesundheit (32.384), gegen Übergewicht und Diabetes (18.594) und gegen Rücken- und Knieschmerzen (17.996). Mit 67,5 Prozent liegt der Anteil der Frauen bei den DiGA-Nutzerinnen und -Nutzern deutlich höher als der der Männer. Ein Blick auf die Altersverteilung zeigt, dass es auffallend weniger Verschreibungen bei den unter 30-Jährigen und den über 60-Jährigen gibt. Das Durchschnittsalter der DiGA-Nutzerinnen und -Nutzer liegt bei 45 Jahren.
22.200 Ärztinnen und Ärzte haben DiGA verordnet
Lediglich zwölf Prozent aller Ärztinnen und Ärzte haben bis Ende Juni 2023 Rezepte für DiGA ausgestellt. Auf die höchste Nutzungsquote kommt Berlin mit 9,1 Freischaltcodes pro 1.000 TK-Versicherten, am wenigsten verbreitet sind Apps auf Rezept im Saarland mit nur 4,8 Freischaltcodes auf 1.000 Versicherte.