Kindermedizin, Therapie und teilhabeorientierte Versorgung gehören untrennbar zusammen – und gelingen nur im Team. Vor diesem Hintergrund organisierte Rehakind zum dritten Mal den Focus CP Rehakind-Kongress in Dortmund zusammen mit den drei ärztlichen Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ), Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP) und der Vereinigung für Kinderorthopädie (VKOU). Über 150 Referierende vermitteln in 68 Sessions und zahlreichen weiteren Formaten, wie ein teilhabeorientierter Versorgungsansatz aussehen kann.
Hinzu kommen politische Botschaften: Bei der Umsetzung des § 33 Absatz 5c SGB V (bei SPZ-Verordnungen gilt die medizinische Notwendigkeit als vermutet, so dass MD-Prüfungen entfallen) hapert es Betroffenen zufolge gewaltig. Die Kassen prüften jetzt stattdessen zunehmend die Wirtschaftlichkeit von Hilfsmitteln, erläuterte Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, anlässlich der Kongresseröffnung. Gesundheitsministerin Nina Warken habe ihm zugesichert, in Kürze einen Referentenentwurf mit einer Klarstellung zu veröffentlichen. Denn, so Jürgen Dusel: „Wir müssen bei der Hilfsmittelversorgung von Kindern und Jugendlichen schneller, besser und effizienter werden. Es kann nicht sein, dass hier eine weitere Blockadehaltung entsteht – aus welchen Gründen auch immer.“
„Das behinderte Kind ist vor allem ein Kind und keine Behinderung“. Kongress-Präsidentin Dr. Carmen Lechleuthner, selbst Mutter eines mehrfach behinderten Kindes, appellierte in ihrer Rede an die Verantwortung von Gesellschaft und Politik. Eindringlich beschrieb sie die Missstände in der Versorgungspraxis. „Alles wird immer neu begutachtet. Aber mein Sohn braucht Unterstützung – jetzt. Und kein weiteres Gutachten.“
Zeitkritische Entwicklungsfenster gingen zu. „Das Leben wartet nicht.“ Aber ihr Sohn habe fünf Jahre auf die Bewilligung eines E-Rollstuhls warten müssen. Sie wisse, dass Versorgungen Geld kosten. „Aber Kinder zu spät zu versorgen, kostet deutlich mehr.“ Lechleuthner endete mit den Worten: „Wir Eltern nehmen unsere Aufgabe an – die Strukturen müssen das auch.“
Ausgewählte Aussagen aus den Fachsitzungen beim Focus CP Rehakind-Kongress
Session „Zukünftige interprofessionelle Versorgung, Lehre und Forschung bei Kindern und Jugendlichen mit komplexen Bewegungserkrankungen“
„Das Hilfsmittel muss nicht perfekt aussehen. Es muss im Alltag funktionieren.“ Orthopädietechnikerin Anna Biedermann, Salzburg
„In der therapeutischen Grundausbildung wird nicht vernetzt gedacht. Wir müssen die Fachdisziplinen früher zusammenbringen und eine gemeinsame Sprache sprechen, damit sich erst gar keine hierarchische Medizin entwickelt“ Physiotherapeutin Ute Stuhlfelder, München
„Jedes SPZ verfolgt einen anderen Zugang bzw. Ansatz. Natürlich versorgen wir erfahrungsbezogen und individuell. Unterschiedliche Meinungen sind in Ordnung. Aber wir müssen dennoch die evidenzbasierte Medizin stärken. Wie brauchen Standards für Hilfsmittel oder zu welchem Zeitpunkt eine OP indiziert ist.“ Prof. Walter Michael Strobl, Wien
Session: „Partizipation im Fokus der Hilfsmittelversorgung – Immer ein Spannungsfeld?“
„Kinder müssen gerne ihre Hilfsmittel nutzen, so dass sie es genießen können, auf Augenhöhe zu sein. Wir brauchen daher Zeit, um Eltern oder Inklusionshelfern die Einstellung der Hilfsmittel zu erklären. Das geht nicht immer einfach per ,Schnapp‘.“ Physiotherapeutin Andrea Espei, Schuchmann
„Wenn Kinder eingeschränkt sind, geht bei Erwachsenen sofort das Alarmsystem los. Durch die richtige Positionierung kann aber viel Begurtung weggelassen werden. Wir müssen den Fokus auf ,Lernen‘ setzen.“ Orthopädietechniker Michael Möllenbeck, Schämann Orthopädie-Technik, Stuhr-Brinkum