Bei der Versorgung von Menschen mit „offenen Beinen“, dem „Ulcus cruris venosum“ (UCV), gibt es in Deutschland eine dramatische Fehlversorgung mit negativen Folgen für die Patienten und das Gesundheitssystem. Das zeigte Thomas Fleischhauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitätsklinikum Heidelberg, beim Dialogforum „Eine Stunde Wunde“ des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) am 17. Dezember 2025 auf.
Fleischhauer stellte die Ergebnisse des Forschungsprojekts Ulcus Cruris Care zur UCV-Versorgung vor. Das Projekt wurde vom GBA-Innovationsausschuss gefördert und hat eine Transferempfehlung bekommen. Ziel ist unter anderem, mit Schulungsmodulen die Versorgungssituation in der Hausärzte-Praxis zu verbessern und das große Wissens- und Kompetenz-Defizit in diesem Bereich abzubauen.
BVMed-Wundexpertin Juliane Pohl: „Das Projekt zeigt: Wenn Versorgung in einen guten Prozess eingebettet ist, dann profitieren am Ende nicht nur die Patienten, sondern auch das Gesundheitssystem und die Krankenkassen. Wir brauchen gute Versorgungsstrukturen und sinnvolle Versorgungskonzepte, so wie es der BVMed mit seinen Vorschlägen zur Nationalen Wundstrategie fordert.“
Die venös bedingten chronischen Wunden machen rund 60 bis 80 Prozent der chronischen Wunden der unteren Extremitäten aus. Bei den Betroffenen führt UCV zu erheblichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität. Die jährlichen Kosten liegen laut BVMed bei rund 10.000 Euro pro Patient. Die mittlere Behandlungsdauer liegt bei sechs bis zwölf Monaten. UCV steht für 1,2 Prozent der Arbeitsausfalltage, für 1 Prozent der stationären Behandlungskosten und für insgesamt 2,6 Prozent der Kosten des Gesundheitssystems.
Auswertung von Routinedaten
Die Analyse der Versorgungssituation erfolgte im Forschungsprojekt durch eine Auswertung der Routinedaten. Ergebnis: Weniger als die Hälfte der Versicherten erhielt innerhalb der ersten 90 Tage nach Erkrankung ein Kompressionsmittel. Eine konsequente, regelmäßige und frühzeitige Kompressionstherapie erhielten lediglich 14 Prozent der Versicherten. Eine operative Kausaltherapie wie Stammveneneingriffe erhielten nur etwa 1 Prozent der Versicherten. „Im Ergebnis erhielten mehr als 80 Prozent der Patienten keine kausal orientierte Behandlung und sind somit derzeit nicht adäquat versorgt“, so Fleischhauer. Man könne also von einer dramatischen Fehlversorgung in Deutschland sprechen.
Das Universitätsklinikum Heidelberg ging im Rahmen des GBA-Innovationsfondsprojekts „Ulcus Cruris Care“ daher der Frage nach, mit welchen versorgungsstrukturellen Maßnahmen die hausärztliche Behandlung der Patienten mit UCV optimiert werden kann. Schlüsselfaktoren sind dabei eine funktionierende Koordination der Therapiemaßnahmen durch ärztliche sowie nicht-ärztliche Versorger sowie die adäquate Umsetzung der notwendigen Kausaltherapie, insbesondere die konsequente Durchführung einer Kompressionstherapie. Neben den positiven Auswirkungen auf Wundheilung und Lebensqualität beziffert das Projekt das direkte GKV-Einsparpotential auf 1.400 bis 1.600 Euro je Krankheitsfall.
Schulung und Edukation als Stellschrauben
Zu den wichtigen Gegenmaßnahmen gehören im Rahmen der Projektmaßnahmen neben der Unterstützung der hausärztlichen Versorgung insbesondere die Schulung der Versorgenden und die Edukation der Patienten durch Informationsmaterialien und E-Learning. Insgesamt ist das Ziel, das Case-Management in der hausärztlichen Praxis zu verbessern. Ein erstes Pilotprojekt zeigte deutliche Verbesserungen.
Fazit: „Unser Projekt ist bereit für eine breitere Implementierung und könnte zu einer bedeutsamen Verbesserung der Versorgung führen. Möglich wäre die Überführung in die Versorgung über DMP, HZV oder Selektivverträge“, so Fleischhauer.