Dr. Malou van Zanten, Fachärztin für Dermatologie und lymphovaskuläre Medizin aus den Niederlanden, widmete sich beim C. C. C. Kongress von Medi in Leuven (4. bis 6. Dezember 2025) der aktuellen Evidenzlage bei medizinischer Kompressionstherapie von Lymphödemen. Das zentrale Thema war die Diskrepanz zwischen Leitlinien und Versorgungsrealität:
- Wie wird weltweit medizinische Kompressionstherapie umgesetzt – jenseits von Leitlinien und Theorie?
- Wie arbeitet das anwesende Fachpublikum in der Praxis?
- Was ist bei der Verordnung von medizinischer Kompression relevant?
- Was ist beim Anwenden von medizinischer Kompression wichtig?
Wie Dr. Malou van Zanten darlegte, sind viele Kompressionsempfehlungen historisch stark auf venöse Erkrankungen ausgelegt. Die zunehmende Komplexität heutiger Patienten – etwa durch multiple Komorbiditäten – werde in Leitlinien bislang nur unzureichend abgebildet. Die Forschung beginne zwar stärker auf textile Eigenschaften von medizinischer Kompression und individualisierte Empfehlungen einzugehen, der Erkenntnisgewinn verlaufe jedoch langsam. Zudem spiele Adhärenz und Selbstmanagement von Patienten eine entscheidende Rolle.
Umfrage
Bei einer Befragung des Publikums nannten die Teilnehmenden bei komplexen Fällen die Therapietreue der Patienten als größte Herausforderungen, gefolgt von deren Fähigkeit, medizinische Kompressionsversorgungen selbstständig an‑ und auszuziehen, Kosten‑ und Erstattungsfragen sowie den Zustand der Haut (zum Beispiel sensible Haut, Fibrose oder Wunden). Faktoren wie Adipositas spielten demgegenüber eine geringere Rolle.
Auch bei der Frage, wodurch die Wahl der medizinischen Versorgung beeinflusst wird, zeigte sich ein klares Bild: An erster Stelle stand die Form, Art und Ausdehnung des Ödems, dicht gefolgt von Adhärenz und Drucktoleranz. Aspekte wie Kostenerstattung, Eigenbeteiligung oder das Alter der Patienten wurden als nachrangig bewertet.
Ein weiterer Schwerpunkt lag darauf, wie die Teilnehmenden reagierten, wenn Patienten einen hohen Kompressionsdruck nicht tolerieren. In der Wortwolke dominierten Begriffe wie geringerer Kompressionsdruck, medizinische adaptive Kompressionssysteme oder Patientenedukation.
Die Diskussion zeigte: Alternativen, ein schrittweises Vorgehen und die Befähigung von Patienten spielen in der Praxis eine große Rolle – mit dem Ziel, Therapieabbrüche zu vermeiden. Besonders aufschlussreich war auch die Definition von „effektiver Kompression“. Für die Mehrheit der Teilnehmenden ist medizinische Kompression vor allem dann wirksam, wenn sie tatsächlich getragen wird: Adhärenz und tägliche Nutzung gemäß Verordnung wurden höher gewichtet als das Erreichen eines bestimmten Zieldrucks in mmHg. Erst danach folgten Antworten wie ein stabiles Ödem, Komfort oder eine geringe Einschränkung im Alltag.