Am 27. Januar 2024 veranstaltete die Akademie für medizinische Fortbildung der ÄKWL und der KVWL zusammen mit der Juzo Akademie der Julius Zorn GmbH den Bochumer Lymphtag. Die wissenschaftliche Leitung lag in Händen von Prof. Dr. med. Markus Stücker. 250 Teilnehmende folgten nach Angaben der Initiatoren dem Programm.
Was tut sich bei den Studien?
Dr. med. Jeremias Schmidt, stellte die noch laufende LipLeg-Studie vor. Sie vergleicht, welche Wirksamkeit die Liposuktion gegenüber der KPE innerhalb von zwölf Monaten auf die Schmerzreduktion in allen Stadien des Lipödems hat. Im ersten Quartal 2025 sollen erste Publikationen zu Ergebnissen veröffentlicht werden.
Dr. med. Mario Marx, Radebeul, sprach über die Evaluation der hyperspektralen Bildgebung für die transdermale Messung sekundärer Gewebeödeme. Vorteile dieser Bildgebung seien die Kontaktlosigkeit sowie die schnelle und einfache Anwendbarkeit durch medizinisches und therapeutisches Fachpersonal. Dargestellt werde Zustand vor und nach der Entstauung. Erste Daten einer Studie würden auf eine zuverlässige Identifikation von Lymphödemen hindeuten – unabhängig von Stadium und Messregion.
Prof. Dr. med. Björn Behr referierte über das posttraumatische Lymphödem. Er stellte fest, dass aktuell keine adäquaten Daten hinsichtlich Prävalenz und Risikofaktoren vorlägen. Ziel seiner Arbeit in einer prospektiven Studie sei die Identifikation von Risiken, beispielsweise von Verkehrsunfällen. Daraus ergebe sich, dass das posttraumatische Lymphödem auch sechs Monate nach einer Operation noch eine hohe Prävalenz aufweise. Ebenso seien durch Trauma bedingte Charakteristika relevanter als patientenbezogene Eigenschaften. Wichtig sei ein frühzeitiges Screening, um Risikopatientinnen und -patienten zu identifizieren, sowie frühzeitige prophylaktische und therapeutische Maßnahmen umzusetzen.
Was tut sich bei den Leitlinien?
Dr. med. Michael Oberlin, Vorsitzender der Gesellschaft deutschsprachiger Lymphologen (GDL), informierte über den aktuellen Stand der „S3 Leitlinie Diagnostik und Therapie der Lymphödeme“. Ziel sei nicht nur eine klare Handlungsempfehlung für Behandler, sondern auch eine Leitlinie für betroffene Patientinnen und Patienten. Die aktualisierte Leitlinie soll im ersten Quartal 2026 fertig sein.
Welche Konsequenzen sich mit der in den vergangenen Jahren überarbeitete S2k Lipödem Leitlinie für die Praxis ergäben, erörterte Dr. med. Gabriele Faerber. Das Lipödem werde fortan als eine schmerzhafte, disproportionale symmetrische Fettgewebsverteilungsstörung der Extremitäten definiert, bei der Druck- und Berührungsschmerz sowie Spontanschmerz und Schweregefühl auftreten. Alle Therapiemaßnahmen der neuen Leitlinie würden auf eine Reduktion der Beschwerden abzielen oder auch der Erhaltung bzw. Erlangung von Mobilität, Funktionalität und Lebensqualität dienen. Eine weitere große Neuerung sei, dass es beim Lipödem keine Einteilung in Stadien mehr gebe. Zur Therapie seien Kann- und Soll-Empfehlungen zu Schmerzreduktion durch Kompression, Physiotherapie, Ernährung, Psychosoziale Faktoren, Chirurgische Maßnahmen etc. formuliert.
Was tut sich in der Chirurgie?
PD Dr. med. habil. Dipl.-Jur. Univ. Mathias Witt M.A. stellt die Therapie der sekundären Lymphgefäßbildung vor. Dabei werde ein nanofibrillärer Kollagenfaden vom erkrankten Gewebe bis ins gesunde Gewebe gelegt. Entlang dieses Fadens entstehe eine „Leitung“, die den Lymphabfluss fördere und selbst bei nach sechs Monaten erfolgender Resorption des Fadens erhalten bliebe. Der Effekt sei wissenschaftlich noch zu beweisen.
Dr. med. Klaus Hoffmann referierte über eine Weiterentwicklung auf dem Gebiet der invasiven Behandlungsstrategien bei Lipohypertrophie und Lipödem. Die Power Assisted Lipoplasty sei mittlerweile State of the Art. Seiner Meinung nach würden begleitende Hitzebehandlungen bei der Hautstraffung helfen. Sicherheit gewähre das eigenständige Ausschalten des Lasers bei 55 °C. Eine Weiterentwicklung der Methoden sei aufgrund geringer Evidenz notwendig.
Was tut sich in der konservativen Therapie?
Prof. Dr. med. Markus Stücker setzte sich mit Haut-Mykosen bei Ödem-Patientinnen und -Patienten auseinander. Interdigitale Läsionen seien gefährlich, da sie oft eine Eintrittspforte für Erysipele darstellten. Solche Läsionen träten umso häufiger auf, je schwerer das Lymphödem ausgeprägt sei. Fußpilz solle daher drei bis vier Wochen über die klinische Symptomatik hinaus therapiert werden. Oft reiche eine lokale Behandlung der Nagelmykose nicht aus.
Dr. med. Erika Mendoza ging auf die zunehmende finanzielle Belastung der Gesellschaft durch das Lymphödem ein. In der Entstauungsphase könnten Kosten und Zeit durch intermittierende pneumatische Kompression (IPK) eingespart werden. Das zuzahlungsfreie Gerät sei langfristig gesehen günstiger als die Therapiekosten für zweimal 45 min MLD pro Woche. Die Allgemeinärztin und Phlebologin schlug ein Kombimodell vor, bei dem alle zwei bis vier Wochen eine MLD erfolge, um die Kontrolle zu sichern. Die restliche Zeit könne die IPK eigenständig angewandt werden.
Prof. Dr. med. Joachim Dissemond, Essen, berichtete über neue Indikationen für die Kompression. Es gebe bereits viele Einzelfallberichte zu entzündlichen Dermatosen wie Erythema nodosum, Necrobiosis lipoidica, Vaskulitis, Livedovaskulopathie, Pyoderma gangraenosum oder Psoriasis vulgaris.
Das Erysipel gelte eigentlich als Kontraindikation für Kompression. Trotzdem seien positive Erfahrungen mit Kompressionstherapie gemacht worden, da viele Betroffene im Anschluss an ein Erysipel ein sekundäres Lymphödem entwickelt hätten. Kompression könne hier im Anschluss an die Akutphase erfolgen. Außerdem seien die periphere arterielle Verschlusskrankheit und Diabetes mellitus per se keine Kontraindikationen der Kompressionstherapie. Wichtig sei, dass individualisierte Optionen gemeinsam mit den Betroffenen besprochen würden und die Kompressionsversorgung zunächst mit einem niedrigen Druck arbeite.