Mit GP spricht der Innenarchitekt darüber, welchen Einfluss Trends in den vergangenen Jahrzehnten auf die Hilfsmittelbranche hatten.
GP: Herr Ober, wie hat sich das Shopdesign für Sanitätshäuser und Orthopädiebetriebe in den 60 Jahren von Ober und Ober verändert?
Stefan Ober: In der Anfangszeit war das Geschäft stark von der Versorgung von Kriegsversehrten geprägt. Das waren reine Krankheitsgeschäfte. Schnabeltassen und Inkontinenzwindeln im Schaufenster, im Hintergrund eine Gardine, die den Laden verdeckt hat. Kein sehr ansprechendes Erscheinungsbild. In diese Geschäfte sind nur Menschen mit einem Bedarf gegangen, weil sie es mussten. Gleichzeitig gab es genügend Kunden, sodass sich niemand um sie bemühen musste. Die Rezepte kamen einfach von allein. Das hat sich mit der Zeit radikal geändert. Heute geht es mehr um Fitness, Wohlbefinden und individuelle Beratung. Statt zum Hilfsmittelverkäufer geht man zum Gesundheitsberater. Das schlägt sich selbstverständlich auch in der Gestaltung der Geschäfte nieder. Statt in Maßräume geht der Berater mit dem Kunden ins Sprechzimmer. Brustprothetische Sprechzimmer sind wohnlich eingerichtet, um dem sensiblen Thema Genüge zu tragen. Auch die Namen haben sich geändert. Statt ins Sanitätshaus geht man nun ins Vitalzentrum. Das ist wirklich ein Wandel, an dem wir in den vergangenen 60 Jahren mitgearbeitet haben. Unser Ziel ist es, dass die Läden ansprechender werden.
GP: Wie schaffen Geschäfte es, ansprechender zu wirken?
Ober: Die Unternehmen sollten immer vom Kunden aus planen. Was brauchen die Kunden? Was wollen sie? Aktuell geht der Trend in eine gesundheitsbewusste Richtung, Vorsorge nimmt eine größere Rolle ein. Das sollte sich auch in den Schaufenstern widerspiegeln. Statt Produkte, die mit Krankheit assoziiert werden, zu zeigen, könnten dort Gesundheitsgeschichten erzählt werden. Ob das jetzt eine Blackroll ist oder eine moderne Kniebandage für Sportler. Wenn ich heute auf Messen gehe, sehe ich so viele tolle Produkte, mit denen wir arbeiten können. Das ist nicht mehr nur reine Versorgung, das ist Mode! Wichtig ist auf jeden Fall eine individuelle und zukunftsorientierte Planung, abgestimmt auf die Abläufe im Betrieb und die Firmenphilosophie.
GP: Gab es denn Trends, die Sie zunächst skeptisch betrachtet haben?
Ober: Es ist per se kein Trend, aber ich finde es super, dass die meisten Betriebe ihr Eigenbrötlerisch-Sein ein Stück weit abgelegt haben. Früher wurde ungern gezeigt, was man kann und was man macht. Das habe ich eher skeptisch betrachtet. Heute gibt es ERFA-Gruppen, in denen sich Unternehmer untereinander austauschen. Klar, vielleicht nicht mit dem Nachbarbetrieb eine Stadt weiter, aber vom Austausch profitiert am Ende die gesamte Branche. Ladenbautrends, die ich skeptisch betrachtet habe, kann ich gerade nicht nennen. Denn es ist immer Ausdruck des Zeitgeistes, was in den Läden gezeigt wird. Wir haben viele Kunden, die mit uns umgebaut haben und nun zu uns kommen, weil etwas Neues her soll. Die ursprüngliche Einrichtung funktioniert noch und schaut vielleicht auch nicht schlecht aus. Aber einige nicht nachhaltige Materialien sind zugunsten anderer, natürlicherer Materialien aus dem Zeitgeist gefallen und nun muss nachjustiert werden.
GP: Glauben Sie, dass früher oft verwendete Materialien noch einmal modern werden?
Ober: Sie sehen das doch bei der Mode, am Ende kommt alles wieder. Aktuell liegt der Fokus auf natürlichen, recycelbaren Materialien. Bei den Farben gibt es Orange- oder Pinktöne, gerne auch Pastells, die vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen sind. Deswegen kann ich nicht behaupten, dass so was nicht wiederkommt. Es unterliegt alles dem Zeitgeist!
GP: Inwiefern beeinflusst der stationäre Modehandel den Sanitätshaus-Ladenbau?
Ober: Vielleicht ein wenig. Aber die meisten Sanitätshäuser sind kleine, individuelle Unternehmen. Das kann ich schlecht mit großen Modekonzernen vergleichen. Als Planer kann ich nicht sagen, es gibt jetzt Trend XY und den setze ich am Ende bei allen Kunden um. Jeder Kunde und jede Firmenphilosophie sind anders. Manche setzen komplett auf die medizinische Schiene, ohne Schnickschnack. Andere wiederum brauchen für ihre Kunden eine Wohlfühlatmosphäre. Was wir seit ein paar Jahren spüren, ist, dass unsere Kunden bei der Planung nicht nur auf ihre Kunden, sondern auch ihre Mitarbeiter achten. Sie wollen einen Ort schaffen, an dem Menschen gerne arbeiten. Das geht so weit, dass die Mitarbeitenden zum Teil mit in die Planungen einbezogen werden. Dann sitzen wir gemeinsam an einem Tisch und diskutieren. So entstehen immer tolle Ergebnisse.
GP: Wie läuft bei Ihnen ein typischer Planungsprozess ab?
Ober: Bei uns ist es sehr locker, wir sind ein Planungsbüro mit freien Mitarbeitenden und einem großartigen Netzwerk und wir wollen, dass uns der Job auch Spaß macht. Zunächst schauen wir, ob die Chemie zwischen uns und dem Auftraggeber stimmt. Denn es macht keinen Sinn, sich zu einem Projekt hinzuquälen. Ich möchte gerne zum Kunden fahren, darauf lege ich Wert. Wenn wir zusammenkommen, bekommt der Kunde nach Abschluss des Planungsvertrags und der ersten Gespräche einen Konzeptionsplan mit fotorealistischen Renderings. Der Kunde kann also genau sehen, wie sein Geschäft am Ende aussehen könnte. Anhand dieses Plans gehen wir dann in die weiterführende Planung. Wir legen sehr viel Wert darauf, mit Handwerksbetrieben vor Ort zu arbeiten, auch aus Gründen der Nachhaltigkeit. Es macht wenig Sinn, wenn wir alles von Kaiserslautern aus koordinieren. Wenn es am Ende mal im laufenden Betrieb etwas zu reparieren gibt, an der Heizung oder an der Technik, dann braucht der Unternehmer einen Ansprechpartner vor Ort. Wir sind kein Ladenbauer im klassischen Sinne, sondern ein Planungsbüro mit Netzwerken. Wir haben keinen Zwang, dem Kunden etwas verkaufen zu müssen, sondern wir machen eine Planung und wenn der Kunde damit arbeiten will, verfolgen wir es weiter. Um die Ideen frisch zu halten, arbeiten wir eng mit Innenarchitektur-Studierenden der Fachhochschule Kaiserslautern zusammen. Bevor die in der Kneipe jobben oder Lieferfahrer werden müssen, können sie bei uns in ihrem Feld Erfahrung sammeln. Da entstehen manchmal regelrecht „spinnige“ Ideen, die wir nicht mit einfließen lassen können, aber es sind immer tolle Impulse. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten!
GP: Sie helfen nicht nur Studierenden, sondern auch Existenzgründern …
Ober: Ich bewundere Menschen, die heutzutage ein Unternehmen gründen. Diese jungen Leute gehen mit Enthusiasmus, mit Freude und mit Liebe an die Sache. Das ist bewundernswert. Fachlich sind die alle sehr sattelfest. Aber eben nicht beim Ladenbau oder der Standortwahl. Da helfen wir dann gerne, zum Beispiel mit einer Standortanalyse. Denn die Unternehmen brauchen ja Kunden. Niemand eröffnet ein Geschäft und die Kunden strömen von allein rein. Da muss man unglaublich aktiv sein. Wenn es dann an die Planung des Geschäfts geht, haben die meisten schon unglaublich viele Gedanken dazu im Kopf. Denn in ihnen brodelt seit zwei oder drei Jahren der Wunsch nach einem eigenen Geschäft. Gemeinsam entwickeln wir dann ein Konzept und Kostenschätzungen für die Banken, sodass es für Gründer finanzierbar und umsetzbar ist. Mit vielen Kunden bin ich dann auch per du, weil wir sehr eng zusammenarbeiten. Und zu sehen, wie so ein Unternehmen den Start dann wirklich schafft, macht mich sehr glücklich.