Die Homecare-Branche hat am 5. Februar die fränkische Provinz kennengelernt. Der Verband Versorgungsqualität Homecare (VVHC) und IT-Labs hatten zum Homecare-Branchentalk ins beschauliche Neuhof an der Zenn geladen. Rund 150 Teilnehmende bestätigten den Stellenwert der Veranstaltung, die im letzten Jahr ihre Premiere gefeiert hatte.
Eine Frage treibt Norbert Bertram seit vielen Jahren um: „Warum haben wir es seit 30 Jahren nicht geschafft, Homecare ins SGB V zu bekommen?“. Die Antwort lieferte der VVHC-Geschäftsführer gleich mit. Denn dem Grunde nach sei Homecare eine Eigenerfindung der Branche, die „strukturell inkonsistent konstruiert“ sei. Bertram zitierte den Homecare-Experten Dr. Udo Richter von N:aip Deutschland: „Wir verkaufen kostenlos, im juristischen Graubereich, in fehlender Abgrenzung zur Pflege, in unklarem Umgang mit der ärztlichen Therapiehoheit, unsere bisher unstandardisierte, medizinische Fachkompetenz“. Hinzu komme der politische Rhythmus: Die Branche schaffe bei den Abgeordneten ein Grundverständnis für Homecare. Dann finden Wahlen statt, das Personal wird ausgetauscht – die Aufbauarbeit beginne von Neuem. Und nicht zuletzt sei klar: „Ein englisches Wort findet niemals Eingang ins SGB V.“ Zielführender in der politischen Diskussion sei daher der Begriff ambulantes Therapiemanagement. Als Enttäuschung für die Homecare-Branche habe sich das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege (BEEP) entpuppt. Es habe wohl Befürchtungen gegeben, dass eine Ausweitung der Befugnisse auf Homecare-Unternehmen zu einer Vermischung von vertriebsabhängiger Beratung und neutraler pflegerischer Versorgung führen könnte. „Das ist genau der Knackpunkt, den wir in der Politik ausräumen müssen“, so Bertram. Die Homecare-Branche benötige standardisierte und überprüfbare Prozesse. „Wir müssen offener und transparenter werden. Wir müssen uns zu Überprüfungen Gedanken machen.“ Sollte das ambulante Therapiemanagement Einzug ins SGB V halten, wären in Rahmenverträgen verschiedene Themen zu klären: Haftung, Budget, Compliance, die Anerkennung beruflicher Qualifikationen und nicht zuletzt die Vergütung. Dabei sei vor allem der letzte Punkt umstritten. „Wollen wir eine Trennung zwischen Produkt und Dienstleistung?“, fragte Norbert Bertram in die Runde. Aus Furcht vor Amazon und Co. werde die Trennung aktuell abgelehnt.
Sichtbarkeit erhöhen
Seit rund einem Jahr kämpft Christina Ries für mehr Sichtbarkeit der Homecare-Branche. Die „Homecare-Botschafterin Nummer 1“ rief die gleichnamige Kampagne ins Leben, die das Verständnis für die Leistungen der Homecare-Dienstleister fördern will. „Mir ist schon klar, dass wir häufig auf Produkte reduziert werden. Aber wir müssen es schaffen, dass wir unsere Expertise highlighten. Wir sind doch nicht Hello Fresh.“ Diese Botschaft sei bei den Patienten, aber noch nicht in der Politik angekommen. „Wir leben Ambulantisierung, sind aber nicht im BEEP.“ Im Laufe des vergangenen Jahres erarbeitete Christina Ries zusammen mit Mitstreitern aus der Versorgungspraxis u.a. eine Definition für ambulantes Therapiemanagement. Der Tenor: Homecare ist das Sondereinsatzkommando der Hilfsmittelbranche. Wenn es um richtig schwierige und komplizierte Versorgungen geht, die außerklinisch stattfinden, dann kann das Homecare. Homecare ist unverzichtbar. Denn die Zukunft des Gesundheitswesens entscheide sich zu Hause. Und Homecare unterstützt den größten Pflegedienst Deutschlands: die Angehörigen.
Sicht der AOK Bayern
Hinein in den Versorgungsalltag aus der Sicht einer Krankenkasse. Manuela Kahser-Brehmer ist examinierte Pflegefachkraft und verantwortet seit 2006 den Hilfsmittelbereich bei der AOK Bayern. Grundsätzlich stellt sie fest: „Die Kommunikation zwischen den Playern hat sich seit der Pandemie massiv verschlechtert.“ Es gebe vermehrt Widersprüche und Sozialgerichtsverfahren. Hinzu kämen die bekannten Herausforderungen wie Fachkräftemangel und Kostensteigerungen. Gleichzeitig beklagte Kahser-Brehmer aber auch fehlerhafte Kostenvoranschläge seitens der Leistungserbringer. Da passten die beantragten Mengen nicht zu den Zeiträumen oder die Begründungen nicht zu Kostenvoranschlägen, Dokumentationen seien kaum lesbar. Kliniken würden zudem nach wie vor Faxe verschicken. „Die dürfen wir nicht annehmen.“ Digitale Helfer und Künstliche Intelligenz haben nach Meinung der Kassenexpertin Potenzial in der häuslichen Versorgung. Über Telemedizin und Fernüberwachung könnten in Echtzeit Vitaldaten übertragen werden, etwa in den Produktgruppen 09 (Elektrostimulation) und 21 (Messgeräte). Patienten und Pflegende müssten Vertrauen in Technik haben. Dazu gehöre auch ein sicherer Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten. Manuela Kahser-Brehmer sprach sich zudem für schlankere Strukturen im Vertragswesen aus. Es mache unter anderem keinen Sinn, Dokumentationen an Abrechnungsstellen zu schicken. „Das liest dort kein Mensch.“ Für die Zukunft wünscht sich Kahser-Brehmer einen offenen und ehrlichen Umgang miteinander. Durch einen frühzeitigen Austausch ließen sich Notsituationen und Konflikte vermeiden. Es gehe darum, die Position der anderen Seite zu verstehen – dabei unter anderem eben auch das Wirtschaftlichkeitsgebot.