Zu viele Verträge und zu viel Bürokratie belasten die Hilfsmittelversorgung in Deutschland. Darüber waren sich Kirsten Abel und Dr. Henning Schweer von „Wir versorgen Deutschland“ (WvD) und Antje Domscheit, Abteilungsleiterin Kranken- und Pflegeversicherung vom Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS), in einer digitalen Gesprächsrunde am 8. Dezember 2022 einig. Der Veranstaltung folgten nach eigenen Angaben knapp 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
„Das aktuelle Vertragssystem ist überlastet und reformbedürftig“, erklärte Antje Domscheit im Gespräch. „Krankenkassen wie Leistungserbringer müssen einen enormen Aufwand betreiben, um die große Anzahl an Verträgen zu verhandeln“. Die Juristin plädierte daher für eine deutliche Reduktion der Verträge. Das BAS schlage unter anderem vor, pro Bundesland landeseinheitliche Kollektivverträge für alle Kassen abzuschließen. „Bundesweite Musterverträge halte ich für illusorisch“, führte die BAS-Expertin aus.
Domscheit knüpfte mit ihren Aussagen an den Sonderbericht zur Hilfsmittelversorgung an, den das BAS im Oktober veröffentlicht hatte. Darin spricht sich die Behörde für grundlegende Reformen bei der Ausgestaltung der Hilfsmittelversorgung in Deutschland aus. Zwei Jahre habe das Amt gebraucht, um sich einen Überblick über die Versorgungslandschaft zu verschaffen. „Wir waren überrascht, wie schwierig sich der Dialog gestaltet“, sagte Antje Domscheit. Die Transparenz für die Versicherten zähle zu den größten Problemen. Aber es gebe eine „positive Entwicklung“. Aktuelle führe man „erfolgreiche Gespräche“ mit der Arge und großen Krankenkassen über den Aufbau entsprechender Tools.
Eine aktuelle Branchenumfrage von WvD zeigt, wie die Vielzahl der Verträge und die damit einhergehende Bürokratie die Hilfsmittelleistungserbringer belastet. Vor den Hintergrund der schnell und stark steigenden Kosten zeige sich außerdem die Schwerfälligkeit des Systems. „Die Redaktionszeit bei den Verhandlungen auf Umstände, die Preisanpassungen notwendig machen, ist zu lang – keine Frage“, sagte Antje Domscheit.
WvD-Generalsekretärin Kirsten Abel bedankte sich für die „systematische Analyse“ des BAS. „Wir Leistungserbringer sind seit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz im Jahr 2007 einen steinigen Weg gegangen. Wir wollen daher genau prüfen, welche Reformen wirklich Sinn machen.“ Um den bürokratischen Aufwand abzubauen, warb Abel unter anderem für standardisierte Dokumentationsprozesse. Das sei nicht zu verwechseln mit einer standardisierten Versorgung.