GP: Für wen ist die App LipoCheck gedacht?
Helena Rapprich: Wir entwickeln eine Gesundheits-App für Lipödempatientinnen, die die Frauen auch bereits bei Verdacht auf die Erkrankung abholen soll. Sie richtet sich an alle Frauen, die eine Fettverteilungsstörung erkennen können, die den Verdacht auf Lipödem haben oder bereits diagnostiziert sind. Mit der App wollen wir die gesamte Gesundheitsphase einer Patientin abdecken und begleiten.
GP: Wie arbeitet die App?
Anina Langhans: Im Grunde bilden wir alle drei Phasen der Erkrankung ab. In der ersten Phase geht es erst einmal um den bloßen Verdacht. Wir haben von den Patientinnen widergespiegelt bekommen, dass für die Diagnose Lipödem leider immer noch häufig der Zufall oder Betroffene, die auf Social Media-Kanälen darüber berichten, eine große Rolle spielen und seltener ein Arzt oder eine Ärztin. Eine Frau, die sich kostenlos unsere App aus den gängigen Stores herunterlädt, kann daher unseren LipoCheck machen. Sie füllt unseren Lipödem-spezifischen Fragebogen aus, lädt zwei Fotos von sich hoch und innerhalb von Sekunden erhält sie durch unser Körper-Analyse-Modell erste Einschätzungen, ob und in welchem Schweregrad ein Lipödem vorliegt und welche Bereiche betroffen sind. Außerdem schätzen wir ein, ob begleitende Erkrankungen vorhanden sein könnten, wie beispielsweise Adipositas. Darüber hinaus können wir über die App leitlinien-konforme Behandlungsempfehlungen geben.
GP: Birgt eine Diagnose per Foto nicht Fehlerrisiken für die Patientinnen?
Helena Rapprich: Da viele Betroffene jahrelang von Arzt zu Arzt laufen und ihre Diagnose häufig durch Zufall erhalten, sehen wir die App als sinnvolle Ergänzung an. Wir stellen keine Diagnose, sondern geben eine Einschätzung, in der wir eine Wahrscheinlichkeit angeben, ob ein Ödem vorliegt, wo es sich befindet und welchen Schweregrad es hat. Wir lassen die Wirksamkeit unserer App durch medizinische Studien validieren und minimieren so das Fehlerrisiko weiter. Aufgrund der großen Unkenntnis, die aktuell noch über die Erkrankung herrscht, möchten wir helfen aufzuklären. Die Patientinnen müssen zwei Fotos hochladen, einmal frontal und einmal in seitlicher Ansicht. Wir anonymisieren diese Bilder bis hin zur Unkenntlichmachung von Tätowierungen. Man kann nicht auf die einzelnen Personen Rückschlüsse ziehen. Mithilfe der Fotos können wir den Umfang der Extremitäten berechnen. Zusammen mit dem ausgefüllten Fragebogen finden wir heraus, ob ein Lipödem vorliegt.
In der Folgeversorgung können Patientinnen so auch nachverfolgen, ob sich etwas bei ihnen geändert hat und ob eventuell eine neue Kompressionsversorgung her muss.
GP: Nehmen Sie mit Ihrer App den Arzt aus dem Spiel?
Anina Langhans: Nein, im Gegenteil. Für einen vorläufigen Befundbericht und Therapieempfehlungen kann die Betroffene den LipoCheck an einen Phlebologen aus unserem Netzwerk übermitteln. Das ist der so genannte DocReport. Der Vorteil ist, dass sie mit dem Bericht dann zu einem Hausarzt gehen kann. Der vorläufige Bericht ist im Prinzip eine Befunddokumentation. So spart der behandelnde Arzt viel Zeit, weil die App ihm die Dokumentation schon liefert und darüber hinaus der Betroffenen medizinisch fundierte Tipps und Tricks an die Hand gibt. Der Arzt erhält 16 Euro für die Beratung. Um es wirtschaftlich zu machen, kann er sich dafür nur maximal 5 Minuten Zeit nehmen. Da ist es für sie eine große Hilfe, wenn ihre Patientinnen richtig vorinformiert sind, um sich auf die individuelle Problematik der Patientin konzentrieren zu können. Mit unserem Service wollen wir den vielen wilden Geschichten zum Thema Lipödem im Internet entgegenwirken. Diese verunsichern die Frauen eher, als dass sie helfen. Zusätzlich zum LipoCheck und DocReport bieten wir ein Lipödem-spezifisches Tagebuch an, das die Symptome, aber auch die mentale und körperliche Gesundheit abfragt. Das beruht auf dem SF-36, einem (wissenschaftlich fundierten) Fragebogen zur Messung der Lebensqualität. Diese beiden Features, also die App und das Tagebuch, verbinden wir miteinander und können so superschnell eine zuverlässige Verlaufsdokumentation generieren, die immer aktuell ist. Damit kann die Patientin nicht nur ihren Verlauf tracken. Sie kann die Dokumentation zudem bei den Krankenkassen für eine eventuelle Kostenübernahme einreichen. Unser Ziel ist es, für die Patientinnen persönliche Gesundheitsprofile zu erstellen. Am Ende liegt es in der Hand der Userinnen, welche Daten an wen weitergeleitet werden. Sie haben zu jeder Zeit die volle Kontrolle über ihre Daten.
GP: Wie werden die Betroffenen auf die App aufmerksam gemacht?
Helena Rapprich: In erster Linie klären wir auf, beispielsweise über Social Media-Kampagnen, die die Betroffenen in ihrem Alltag abholen. Zusätzlich planen wir Events wie Fachvorträge bei den bestehenden Lip-Lymphveranstaltungen sowie Kontakte zu Selbsthilfegruppen. Ein anderer Strang sind strategische Partnerschaften mit Fitnessstudios oder Sanitätshäusern, die uns dann an ihre Kundinnen weiterempfehlen. Ein weiterer wichtiger Pfad ist für uns die Ärzte selbst. Sie können die App beispielsweise bei einer Terminanfrage anbieten, damit sich die Patientin vorinformieren kann.
GP: Ab wann wird die App verfügbar sein?
Anina Langhans: Wir sind mitten in der Entwicklung der ersten Version und streben einen Launch für den Sommer an. Die App wird dann den LipoCheck mit der Validierung eines Facharztes beinhalten, mit dem Ziel das Betroffene einen vorläufigen Befundbericht innerhalb von 48 Stunden bekommen, anstatt oftmals lange auf einen Arzttermin zu warten. Zusätzlich wird die App medizinisch validierten Content in Form von Bildern, Texten und Videos mit hilfreichen Tipps beinhalten. Nach dem Launch werden wir dann sukzessive Features wie die Verlaufsdokumentation und das Tagebuch in die App hinzufügen. Parallel arbeiten wir an der Medizinproduktzulassung für das Körper-Analyse-Modell, um eine sekundenschnelle Einschätzung geben zu können und somit persönliche Gesundheitsprofile erstellen zu können.
GP: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Ärztinnen?
Helena Rapprich: Wir entwickeln eine App für Patientinnen und ein Dashboard für Ärzte, das als validiertes Diagnose- und Therapie-Unterstützungssystem dienen soll, aber auch wie ein Patienten-Managementsystem eine Schnittstelle zu deren bestehender Software hat. Dort können die Ärzte sich anmelden und darüber läuft die Vermittlung. Wir akquirieren keine Ärzte, sondern sie melden sich bei uns, um auf unsere Plattform zu kommen.
GP: Wo werden die Informationen gespeichert?
Anina Langhans: Datenschutz und -sicherheit hat bei uns höchste Priorität. Unser Backend, also der Ort, an dem die sensiblen Daten gespeichert und verarbeitet werden, ist zu 100% in der speichersicheren Sprache Rust geschrieben, die als besonders sicher beim Thema Datenschutz gilt. Die Fintech-Branche ist ein Vorreiter, was die Nutzung von Rust angeht, weil man dort mit ähnlich sensiblen Daten arbeitet. Zudem stehen alle unsere Server in Deutschland. Wir sind in ständigem Austausch mit unserer Datenschutzbeauftragten. Im Zusammenhang mit der Medizinproduktzulassung müssen wir uns von externen Prüfstellen validieren lassen. Dabei muss der höchste ISO-Standard eingehalten werden.
GP: Die Online-Versorgung mit Einlagen ist hoch umstritten. Haben Sie Sorge, dass die Bedenken gegenüber digitaler Diagnose auch für Sie zum Thema werden kann?
Helena Rapprich: Wir haben unsere Lösung so konzipiert, dass ein Arzt involviert ist. Wir ersetzen ihn nicht, und die Verordnung läuft weiterhin über Arztpraxen. Wir bieten eine Therapie-Erfolgskontrolle, um zu prüfen, ob eine weitere Versorgung notwendig ist und eine tägliche Unterstützung für alle Leistungsbringer. Und auch dort stehen die Versorger, also Sanitätshäuser und Apotheken, an erster Stelle, weil wir keine Kompressionsversorgung oder weitere Therapieangebote anbieten können oder wollen. Wir sind ein digitales Unternehmen. Wir bieten die Dokumentation des Krankheitsverlaufes an. Die letzte Instanz ist und bleibt der Arzt. Diesen möchten wir mit unserem System schulen fortbilden und unterstützen. Wir möchten Betroffene, Ärzte und Versorger zusammenbringen: so, dass es für jeden einen Mehrwert bringt.
GP: Ist eine engere Zusammenarbeit mit Sanitätshäusern geplant?
Helena Rapprich: Ja, Sanitätshäuser sind aufgrund ihres direkten Patientinnenkontakts sehr wichtig für uns. Wir sind in Kontakt mit einer Hand voll Sanitätshäusern, die uns bereits zurückgespiegelt haben, dass wir für sie eine wichtige Rolle bei der Kundenbindung spielen. Durch die Verlaufsdokumentation können Betroffene sehen, ob sich die Umfänge verändern. Sprich, ob sie eine neue Kompressionsversorgung benötigen. Ist dies der Fall, bekommen sie eine Push-Nachricht mit einer Liste von Sanitätshäusern in ihrer Nähe. Die Daten könnten direkt an das Sanitätshaus übermittelt werden. Im nächsten Schritt möchten wir natürlich dafür sorgen, dass Kompressionsvermessung über unsere App möglich ist. Aber das trauen wir uns aktuell technisch noch nicht zu. Perspektivisch möchten wir es irgendwann anbieten, da es auch den Sani-Feen in den Häusern viel Zeit sparen könnte.
GP: Planen Sie, LipoCheck als DiGa zu zertifizieren?
Helena Rapprich: Zunächst gehen wir alle notwendigen Schritte für eine Medizinproduktzulassung, was schon sehr umfänglich ist. Dann starten wir erst einmal auf dem Selbstzahlermarkt und bieten Therapie- und Handelsempfehlungen im Abonnement sowie den Befund mit einer einmaligen Zahlung an. Aktuell sind wir auch im Gespräch mit Krankenkassen. Das würde dann über Selektivverträge zur Kostenübernahme gehen. Eine DiGa möchten wir vorerst nicht werden. Zum einen sind die Anforderungen sehr hoch, was Zeit und Kosten angehen, zum anderen kann eine DiGa nur vom Arzt verschrieben werden und würde uns vom Kontakt zu den Patientinnen abschneiden. Zudem wäre damit der Effekt aufgehoben, dass Betroffene noch vor einem Facharzttermin einen vorläufigen Befund erhalten können.