Die Herstellervereinigung Eurocom und das Leistungserbringerbündnis Wir versorgen Deutschland (WvD) haben bei einem gemeinsamen Parlamentarischen Abend in Berlin am 11. September 2025 die zentrale Rolle der Hilfsmittelversorgung für ein leistungsfähiges Gesundheitswesen hervorgehoben. Beide Spitzenorganisationen fordern laut einer Mitteilung gezielte Reformen, um Bürokratie abzubauen, Innovationen zu stärken und die Versorgung zu sichern.
„Hilfsmittel leisten einen unverzichtbaren Beitrag, damit die Versorgung in einer älter werdenden Gesellschaft bezahlbar und verlässlich bleibt. Deshalb ist es wichtig, die Rahmenbedingungen so weiterzuentwickeln, dass diese Leistungen auch künftig bedarfsgerecht und flächendeckend erbracht werden können“, erklärte Tino Sorge, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Gesundheit in seinem Grußwort.
Michael Leuthe, stellvertretender Vorsitzender Eurocom, und Alf Reuter, Vorstand WvD, machten in ihrer Begrüßung deutlich: „Ohne Investitionen in die Versorgung mit Hilfsmitteln sind weder eine erfolgreiche Krankenhausreform noch eine Stärkung der ambulanten Versorgung möglich. Doch die Branche droht in Bürokratie zu ersticken – es braucht jetzt entschlossenes politisches Handeln, um Leistungserbringer und Industrie zu entlasten.“
In der Podiumsdiskussion tauschten sich beide Verbände mit den Berichterstattern der Bundestagsfraktionen zu ihren Lösungsvorschlägen aus. Dazu gehörten die Mitglieder des Bundestages Dr. Tanja Machalet (SPD) – gleichzeitig Vorsitzende des Gesundheitsausschusses –, Axel Müller (CDU) und Dr. Paula Piechotta (Bündnis‘90/Die Grünen).
„Die Hilfsmittelversorgung hat in Deutschland einen viel zu wenig beachteten Stellenwert“, erklärte Dr. Tanja Machalet. „Wir brauchen mehr Aufmerksamkeit für Leistungserbringer und Industrie, die täglich dafür sorgen, dass Pflege vermieden, Operationen hinausgezögert sowie Mobilität und Lebensqualität gesichert werden können.“
Für Dr. Paula Piechotta ist es hingegen Fluch und Segen der Branche, dass andere Leistungserbringer im Berliner Politikbetrieb sehr viel lauter auftreten. Sie schlug vor, dass sich alle Akteure gemeinsam an einen Tisch setzen und die derzeitige Bürokratie durchforsten, um sie zu entschlacken.
Statt auf Kontrolle und noch mehr Kontrolle zu setzen, plädierte Axel Müller für mehr Vertrauen in die Leistungserbringer von Seiten der Kostenträger. Einig waren sich alle drei, dass die Hilfsmittelversorgung in Deutschland dringend politischer Reformen bedarf, teilen die beiden Branchenvertretungen mit.
Forderungen von Eurocom und WvD
Entbürokratisierung: Standardisierung der formellen Vertragsinhalte durch einen administrativen Rahmenvertrag im Hilfsmittelbereich, damit Verhandlungen sich künftig auf Preise und Leistungen konzentrieren können.
Schnellere Aufnahme innovativer Produkte: Innovative Hilfsmittel müssen rascher ins Hilfsmittelverzeichnis und damit in die Patientenversorgung gelangen.
Finanzierung: Einheitlich niedriger Mehrwertsteuersatz auf Hilfsmittel, um Kassen und Patienten zu entlasten, sowie eine regelmäßige, einfache Anpassung der teils stark veralteten Festbeträge für Hilfsmittel. Konservative Therapien mit Hilfsmitteln stärken, um Arzneimittelkosten und Klinikaufenthalte zu senken.
Digitalisierung: Zügige Einführung der E-Verordnung und schnelle Integration von Sanitätshäusern und Gesundheitshandwerken in die elektronische Patientenakte.
Verbesserte Regulierung: Zügige Überarbeitung und Entbürokratisierung der europäischen Medical Device Regulation (MDR).
„Die Hilfsmittelversorgung leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, dass Menschen in Deutschland selbstbestimmt und mobil leben können. Die Politik muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit dies auch in Zukunft überall in Deutschland möglich bleibt“, so Leuthe und Reuter.
Hintergrund
Damit die Hilfsmittelversorgung ihre zentrale Rolle auch künftig erfüllen kann, müssen die wachsenden Belastungen ernst genommen werden: Wachsende Bürokratie aber auch der Fachkräftemangel bremsen die Betriebe zunehmend aus, so Eurocom und WvD.
Laut WvD-Branchenumfrage 2025 investieren 73 Prozent der Sanitätshäuser mehr als 30 Prozent ihrer Arbeitszeit in Bürokratie, zugleich spüren 48 Prozent der Sanitätshäuser den Fachkräftemangel deutlich.
In der Eurocom-Mitgliederbefragung 2025 identifizieren 100 Prozent der Hilfsmittelhersteller bürokratische Hürden als Standortrisiko Nummer 1 – und damit als enorme Belastung für die KMU in Deutschland. Sie fordern den Abbau regulatorischer Hürden – insbesondere bei der Aufnahme von Innovationen ins Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes. 75 Prozent der Befragten bewerten das unsichere und langatmige Verfahren als größtes Innovationshemmnis einer Branche, die auf Innovationsstärke setzt: 96 Prozent der Hersteller investieren in Forschung und Entwicklung.
Die repräsentative Patientenumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (Quelle: eurocom 2023) belegt zudem den volkswirtschaftlichen Nutzen: Hilfsmittel wie Bandagen und Orthesen vermeiden Operationen und beschleunigen die Rückkehr ins Arbeitsleben. Ein Beispiel: Eine Einlagenversorgung kostet rund 114 Euro pro Halbjahr, während eine Amputation Folgekosten von bis zu 14.000 Euro verursacht (Quelle: WvD 2023).