GP: Macht es für Hilfsmittel-Leistungserbringer Sinn, sich zuvor an die Telematik-Infrastruktur anzubinden?
Helmig: Das macht aus meiner Sicht absolut Sinn! Diesen Punkt vertrete ich seit Jahren und da stehe ich weiterhin zu. Wer früh dabei ist, kann früh mitgestalten und erfahren, was geht und was nicht. Man darf als Betrieb allerdings auch nicht erwarten, dass sich damit komplett die Welt ändert. KIM, als bisher einzige Fachanwendung, die ein Hilfsmittelunternehmen aktuell nutzen kann, wird nicht komplett die aktuelle Arbeitswelt revolutionieren. Allerdings stelle ich als Unternehmen so sicher, dass ich die Grundvoraussetzung des Anschlusses schon mal habe und somit alle weiteren Entwicklungsschritte sauber mitgehen kann. Meiner Meinung nach bringt sich ein Unternehmen so in eine gute Position, um schlussendlich die folgenden Fachanwendungen wie die eVO sauber umsetzen zu können.
GP: Also bietet es den Sanitätshäusern unter Umständen sogar einen Wettbewerbsvorteil, sich frühzeitig an die TI anzuschließen?
Helmig: Ja, es kann Vorteile haben. Man sollte sich jedoch darauf einstellen, dass es hybride Versorgungswege geben wird. Was meine ich damit? Das Papier wird nicht von heute auf morgen einfach verschwinden. Die Unternehmen werden einen Übergang erleben. Auch wenn die eVerordnung eingeführt wird, wird sich nicht gleich ein Schalter ins rein Digitale umlegen. Deshalb kann es für Unternehmen Sinn machen, sich jetzt schon eine Arbeitsweise anzueignen und die eigenen Prozesse darauf auszurichten. Man darf nicht vergessen, auch in Betrieben, in denen die Verantwortlichen für das Thema brennen, gibt es Mitarbeitende, die mitgenommen werden müssen. Ein Einführen der Strukturen in kleinen, verdaulichen Schritten kann Vorteile bieten.
GP: Ist 2030 ein realistisches Datum, oder erleben wir die nächste Verschiebung?
Helmig: Heute kann niemand seriös garantieren, was in 2030 ist. Bis dahin wird noch viel passieren. Vor diesem Hintergrund würde ich mich nicht so sehr auf Deadlines fokussieren, sondern lieber aufs Machen konzentrieren. Wenn wir jetzt den Fokus darauf setzen, stehen wir in 2030 schon ganz anders da, weil wir diese vier Jahre genutzt haben. Ich würde mir wünschen, dass wir bis 2030 schon ganz viele Trippelschrittchen in die richtige Richtung getan haben. Zudem darf das Stichwort EHDS, der European Health Data Space, nicht außer Acht gelassen werden.
GP: Was ist der European Health Data Space?
Helmig: Der Europäischen Union ist es wichtig, dass im Gesundheitswesen die Daten, die dort erhoben und ausgetauscht werden, auf etablierten und sicheren Pfaden wandern sollen. Zudem möchte sie sicherstellen, dass einzelne Länder zueinander anschlussfähig sind. Vereinfacht kann man sagen, dass der EHDS die Telematikinfrastruktur auf europäischer Ebene sein wird. Interessant ist das Datum der für Deutschland geplanten Anbindung, 2030. Nach unserer Lesart besteht durchaus ein Zusammenhang zwischen der Verschiebung der eVerordnung und dem Startdatum des EHDS, weil dieser mit Blick auf die TI einige Veränderungen mit sich bringen wird. Die für 2030 geplante Ausrollung bringt Vorteile mit sich, denn sie erhöht den Druck auf das Thema. Da besteht natürlich der Wunsch, dass bereits existierende Lösungen in Deutschland einfach einklinken zu können. Bis 2030 ist es jetzt unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir keine doppelten Strukturen schaffen, die am Ende nicht anschlussfähig sind. Wir sollten jetzt schauen, welche Anforderungen auf uns zukommen, und diese antizipieren, denn dann sind wir den anderen europäischen Ländern um einiges voraus.
GP: Wenn ich das richtig verstehe, gilt das nur für die eVerordnung. Müssen E-Rezept und die elektronische Patientenakte unter Umständen neu gedacht werden?
Helmig: Die bereits vorhandenen Verfahren müssen wir zumindest überprüfen. Das E-Rezept und die ePA haben heute schon sehr internationale Basisstandards, auf die auch der EHDS setzt. Wir werden mit dem EHDS Regelungen erleben, die insbesondere auf die Identifizierung und auf die Identitäten der Versicherten und Leistungserbringer abzielen. Die Grundlagen der Telematikinfrastruktur müssen wir dann auf das europäische Niveau heben. Wenn das für die TI passiert, werden E-Rezept, ePA und eVO direkt mitgedacht. Bei dem Thema ist die Gematik sehr klar und deutlich. Das wird uns nicht bremsen, sondern auf lange Sicht zukunftsfit und leistungsfähig machen.
GP: Opta Data hatte sich – mit Ihren eigenen Worten von vor einem Jahr – vollständig auf den Startschuss vorbereitet. Wie geht ein Dienstleister damit um, wenn der Markt plötzlich vier Jahre Pause macht?
Helmig: Wir sind überzeugte Digitalisierer und verstehen uns als Partner für unsere Kundinnen und Kunden, der das Thema mit begleitet und verständlich macht. Die kommenden vier Jahre werden wir dafür nutzen, um gezielt weitere Ergebnisse zu erzielen, den EHDS mit vorzubereiten und die eVerordnung dabei mitzudenken. Wir bleiben kontinuierlich am Ball, wie schon in den Jahren zuvor. Dabei ist es erstaunlich, wie wenig Aufmerksamkeit der EHDS in Deutschland erfährt. Ich muss gestehen, bis vor einem knappen Jahr habe ich das ehrlich gesagt auch nicht so auf dem Schirm gehabt, bis mich gute Kollegen darauf hingewiesen haben. Wenn man dann reinschaut und sich auch den Referentenentwurf des GeDIG anschaut, merkt man, dass da Zündstoff drin ist. Wenn Sie die aktuellen Roadmaps der Gematik anschauen, finden Sie immer einen kleinen Disclaimer, der darauf verweist, dass diese vorbehaltlich des EHDS geschaffen wurden. Sowohl Gematik als auch das BMG haben explizite Arbeitsgruppen zu dem Thema. Diese Arbeitsgruppen sind zwar nach EU-Logik aktuell noch in Brüssel angesiedelt, strahlen aber nach Berlin aus. Wir als Opta Data bringen uns über unsere Verbände in das Thema ein, nehmen die Entwicklung sehr früh auf und übertragen sie in alle anderen Aktivitäten.
GP: Vor einem Jahr standen zwei parallele eVerordnungs-Projekte im Raum: das BIV-OT-Pilotprojekt mit Opta Data und „eGesundheit Deutschland“ der Krankenkassen. Wie hat sich das Verhältnis dieser beiden Welten durch die TI-Verschiebung verändert?
Helmig: Beide Projekte existieren weiterhin, sie sind aktiv und haben in ihrem Umfeld auch Fortschritte erzielt. Zudem gibt es einen losen Austausch zwischen den Projekten. Aber es ist kein einheitlicher, architektonischer Ansatz vorhanden. Am Ende wird sich zeigen, welcher Ansatz in weiteren Spezifikationen Berücksichtigung findet. GP: Stichwort Bundesregierung: Sie hatten klare Erwartungen formuliert – Stärkung der Gesundheitsfachberufe, Durchlässigkeit der Wertschöpfungskette, technologische Kohärenz. Wo stehen wir nach gut einem Jahr unter der neuen Ministerin? Helmig: Zurückblickend haben wir erste Impulse mit Blick auf das GeDIG und die Gesundheitsreform gesehen. Es ist nachvollziehbar, dass das auf der bundespolitischen Ebene und weniger auf den Digitalisierungsebenen ausgelegt ist. Mit Blick auf das Sparpaket würde ich mir wünschen, dass gut umgesetzte Digitalisierung mit eingerechnet worden wäre. Aktuell steht nur fest, wer wie viel einsparen muss. Aber welche Einsparungen durch schnellere, digitale Prozesse vorgenommen werden könnten, wird nicht beachtet. Dabei könnte dies ein weiterer Hebel sein, der über die Berufsgruppen hinweg für Einsparungen sorgen könnte. Das ist meines Erachtens ein Potenzial, das das BMG noch besser nutzen kann.
GP: Vor einem Jahr standen wir aus Ihrer Sicht am Anfang der KI-Revolution im Gesundheitswesen. Wo steht die Branche aktuell? Überholt KI gerade die TI als eigentlichen Treiber der Digitalisierung?
Helmig: Mit Blick auf KI ist ein Jahr natürlich unglaublich lang. Die Dynamik, die diese Entwicklung hat, ist sensationell. Künstliche Intelligenz ist auch für uns als Technologieunternehmen eine Challenge. Aber KI wird TI nicht ersetzen. Man muss sich nur mal anschauen, was beide Technologien leisten können. Die TI soll nicht direkt automatisieren, sie soll vor allen Dingen Brücken bauen. Dafür braucht sie einen anderen Weg als die KI, die mithilfe bestehender Daten neue Fragestellungen probabilistisch, d.h. auf Wahrscheinlichkeiten beruhend, ableiten kann. In der TI werden viele verschiedene Player an einen Tisch gebracht und integriert, dabei sind die Daten sicher. Wenn es darum geht, welches Medikament oder welche Orthese verordnet werden soll, darf nicht aufgrund von probabilistischen Ansätzen entschieden werden. Gleiches gilt für die Abrechnung. Es muss verlässlich und exakt sein und das kann die künstliche Intelligenz bisher nur schwierig reproduzierbar abbilden. Deshalb ist unsere Idee, dass die TI als Autobahn fungiert und KI in einzelne Bereiche mit einsteigt und dort hilft. Es gibt im Hilfsmittelumfeld eine Reihe von Möglichkeiten wie elektronische Kostenvoranschläge, Automatisierung des Auslesens der Verordnung bei der Erstversorgung oder Abwicklung von begleitenden Unterlagen für die Abrechnung. Dort bietet KI eine große Chance, die genutzt werden sollte.
GP: Sie haben damals KI und Big Data als „the next big thing“ benannt. Bleiben Sie bei dieser Antwort, oder ist ein anderes Thema in den Vordergrund gerückt?
Helmig: Da bleibe ich bei meiner Antwort aus dem letzten Jahr, würde sie aber präzisieren. Wenn wir eine Etage tiefer schauen, geht es um die intelligente Nutzung der strukturierten Gesundheitsdaten in durchgängigen Prozessen. Das greift im Prinzip die Logik des EHDS auf und überführt sie in unsere Idee einer TI, mit der wir unterwegs sind. Wir können Interoperabilität und Standardisierung sicherstellen und am Ende eben auch digitale Identitäten als Grundlagen verfügbar haben. Wenn wir es schaffen, diese Themen sauber auf unsere Fragestellung im Hilfsmittelbereich zu übertragen, werden wir dort Riesenschritte machen. Beim Blick in die Zukunft bin ich per se optimistisch, weil wir um die Grenzen und die Herausforderungen wissen und so sehr gezielt gemeinsam gestalten können.