GesundheitsProfi: Herr Dr. Helmig, vor einem Jahr haben Sie davon gesprochen, das Gesundheitswesen müsse als ganze Kette gedacht werden – vom Arzt über den Leistungserbringer bis zum Kostenträger. Wenn Sie heute, im Juni 2026, auf diese Forderung schauen: Was hat sich seitdem konkret bewegt – und wo stehen die Silos noch genauso hoch wie damals?
Dr. Jan Helmig: Ein Jahr ist im Feld der Digitalisierung nicht viel, wir denken ja immer mehrere Jahre im Voraus. Insgesamt bin ich zuversichtlich, denn in der Grundrichtung hat sich schon einiges bewegt. Wir hatten in den Diskussionen rund um ePA, eVerordnung, KIM und TIM allerhand Aspekte, die nun stärker in den Fokus rücken. Das gesamte Thema Telematikinfrastruktur wird inzwischen als Infrastrukturfrage verstanden. Nicht nur der Gesetzgeber und die Gematik beschäftigen sich mit dem Thema, auch die betroffenen Berufsgruppen setzen sich verstärkt damit auseinander. Auf der OTWorld haben wir das an unserem Stand in den Gesprächen gemerkt. Vor einem Jahr mussten wir noch die Frage danach beantworten, was die TI eigentlich genau ist. Nun haben wir in Leipzig über tiefergehende Fragen gesprochen, zum Beispiel zum Bestellprozess der Karten. Man merkt, dass eine gedankliche Auseinandersetzung stattgefunden hat. Auch beim Gesetzgeber hat es ein Umdenken gegeben. Zwar ist im GeDIG (Anmerkung der Redaktion: Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen) anscheinend weiterhin ein Fokus auf Arztpraxen gegeben, aber es wird langsam auch in Richtung der Gesundheitsberufe gedacht. Das sind die Signale, die mich positiv stimmen und für mich das Bild der Prozesskette stützen.
GP: Wo erleben Sie weiterhin die größte Blockade – ist es Politik, Selbstverwaltung oder die Branche selbst?
Helmig: Ich würde hier nicht von Blockaden sprechen. Es gibt Stellschrauben, die wir noch besser drehen können und Rädchen im Getriebe, die noch besser geölt werden müssen. Wir erkennen eine gewisse Konsistenz in der Gesetzgebung: Wenn man das Digitalgesetz von Spahn aus dem Jahr 2019 mit der aktuellen Fassung des GeDIG vergleicht, hat sich mit Blick auf die Gesundheitsberufe nicht so viel geändert. An der Stelle würde ich mir eine deutliche Beschleunigung in der Gesetzgebung für die Gesundheitsberufe wünschen. Das würde die gesamte Wertschöpfungskette entlang nochmal mehr Pace bringen. Was ich in meinen Gesprächen mit den anderen Akteuren wahrnehme, ist das Verständnis für die Notwendigkeit der Kette. Das Verständnis bei den großen Stakeholdern ist da, aber die Rahmenbedingungen sind noch nicht geschaffen. Und deshalb braucht es die Pace und die Überlegung, an welchem Rädchen noch geschraubt werden muss.
GP: Wessen Aufgabe ist es, auf die Stellschrauben hinzuweisen?
Helmig: Wir als Opta Data nehmen das ganz klar als Aufgabe wahr. Deshalb haben wir in den Bereichen Pflege und Heilmittel zusammen mit weiteren Partnern Verbände gegründet. Es gibt viele Häuser im Industrieumfeld und auch bei den Leistungserbringern, die die Herausforderung genauso sehen wie wir. Dieser gemeinsame Wunsch nach Beschleunigung und Rädchenidentifikation eint uns, weswegen wir uns im VdSP bei der Pflege und im VdSH, dem Verband für digitale Standards im Heilmittelbereich, zusammengeschlossen haben. Diese Effekte wollen wir auch im Hilfsmittelbereich anbringen, weshalb wir auf den Austausch mit vielen etablierten Partnern wie dem BIV-OT, Rehavital und Sani Aktuell setzen. Dort gehen wir aktiv in den Austausch. Wir freuen uns über jeden Mitstreiter und versuchen sowohl auf Leistungserbringerseite in den Verbänden als auch beim GKV-SV auf der Seite der Kassen für dieses Thema zu werben.
GP: Reden wir über den Elefanten im Raum: Der verbindliche Start der eVerordnung für Hilfsmittel wurde von 2027 auf voraussichtlich 2030 verschoben. In der Branche herrscht Frustration. Wie bewerten Sie die Verschiebung?
Helmig: Ich kann das Gefühl der Enttäuschung gut verstehen und ich teile es ein Stück weit sogar. Wir hatten uns auf 2026/27 eingestellt, waren gut unterwegs. Als Industriepartner sind wir natürlich auch ein Stück weit in Vorleistung gegangen, haben viele Themen und Prozesse vorangetrieben. Da ist eine Verschiebung nicht dienlich. Weder für den Aufbau der Kette noch für einen Prozess, der vorangetrieben werden sollte. Was ist nun der Hintergrund der Verschiebung? Es gab verschiedenste Faktoren, die zu der Verschiebung geführt haben, das Thema ist komplex. Dazu kommen parallel laufende andere Themen, die ihre Zeit brauchen. Wir sind inzwischen der Auffassung, dass die Deadlines, über die wir sprechen, viel zu sehr im Vordergrund stehen. Wir würden gerade lieber schauen, welche Elemente an den Start gebracht und freiwillig verwendet werden können. Da denke ich bewusst an die Hilfsmittelversorgung. Wir haben bereits heute Häuser, die sich anschließen und die elektronische Verordnung verproben möchten. Warum erlaube ich das nicht von Seiten des Gesetzgebers in gewissem Umfang? Die Möglichkeit des Anschlusses ist gegeben. Wieso wird da nicht der Gematik der Auftrag erteilt, KIM oder die eVO mit denen zu verproben, die es möchten? Das hat noch nichts mit einer verbindlichen Einführung zu tun. Aber auf diese Art und Weise würden alle Beteiligten in diesen Rädchen deutlich früher ineinandergreifen können. Ohne harte Deadline gäbe es weniger Anreize, sich in den metaphorischen Liegestuhl zu legen und darauf zu warten, dass jemand das Thema für das eigene Unternehmen entwickelt. Es wäre hilfreicher, den Menschen zu zeigen, welche Schritte auf dem Weg zum Kettenbau benötigt werden und sie dann in ihrem Anspruch mitzunehmen. Da habe ich gerade im Hilfsmittelbereich den Eindruck, dass die Leistungserbringerinnen und Leistungserbringer sehr offen sind, das zu tun.
GP: Deadlines verführen gerne zum Aufschub von unangenehmen Themen …
Helmig: Genau richtig. Diese Erwartungshaltung, dass sich für mich gekümmert wird, ist gefährlich. Genauso bedenklich sollte es sein, die Möglichkeit zur Mitbestimmung aus der Hand zu geben und am Ende keine Identifikation mit der Lösung zu haben. Wir wollen ja bewusst das Know-how und die Fähigkeiten der Kolleginnen und Kollegen in der Versorgung mit einbinden und würden viele Potenziale verkennen, wenn wir das nicht täten.
GP: Welche Möglichkeiten für Unternehmen gibt es, sich jetzt schon in diese Themen einzubringen?
Helmig: Es gibt im Rahmen der Gematik die sogenannten Co-Creation-Runden und Discovery-Phasen, in denen die Unternehmen und Betriebe sich einbringen können. In diesen Runden kann man Gedanken platzieren und Ideen angeben, die von der Gematik aufgenommen und geprüft werden. Das ist aber sehr früh im Prozess angesetzt und keine direkte Mitarbeit an der aktuellen Kette. In der Pflege gab es das Modellprojekt des GKV-SV, bei dem man als Unternehmen mitmachen konnte. Für das Hilfsmittelumfeld gibt es so ein Projekt leider nicht.